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Aktuelles   Magazin 2001-2007   2003: neue Veröffentlichung
Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis

Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis
1900 und 2000

Dokumentation des Colloquiums
zur Eröffnung des Archiv- und Dokumentationszentrums für soziale und pädagogische Frauenarbeit am 18. Mai 2001,

hrsg. v. A. Feustel,
Berlin 2003; 4, 68 S., 34 Abb.
ISBN 3-930523-13-2

Die Dokumentation
kann über das Alice-Salomon-Archiv bestellt werden.
Preis: 8.50 Euro & Porto

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Editorial
Inhalt    

Editorial

Mit einem Colloquium und der erstmaligen Verleihung des Alice-Salomon-Award an die israelische Feministin und Wissenschaftlerin Alice Shalvi haben das Pestalozzi-Fröbel-Haus (PFH) und die Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) am 18. Mai 2001 das neugegründete Archiv- und Dokumentationszentrum für soziale und pädagogische Frauenarbeit der Öffentlichkeit vorgestellt.* Forschungen anzuregen und den Austauch zwischen Praktikerinnen und Angehörigen von Hoch- und Fachschulen zu fördern, gehört zusammen mit der Wahrung der historischen Archivbestände zu den Zielsetzungen des Zentrums. Dem dient auch die Publikation der Vorträge, die auf dem Colloquium zum Thema „Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000“ gehalten wurden.

Die Entwicklung moderner Sozialpädagogik, sowohl in der Kindererziehung wie in der entstehenden sozialen Arbeit war von Anfang an begleitet von ausgiebigen Diskussionen über das Geschlechterverhältnis, die in der Öffentlichkeit geführt und in Zeitschriften und Kogressberichten wiedergegeben worden sind. Sie zeugen dabei von einer engen geschichtlichen Verbindung von Theorie und Praxis. Das Pestalozzi-Fröbel-Haus, von Henriette Schrader-Breymann 1874 gegründet, war mit der Vielzahl seiner sozialpädagogischen Projekte und den Seminaren für Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen und auch der Hauswirtschaftsschule an dieser Entwicklung ebenso beteiligt wie die von Alice Salomon 1908 in Zusammenarbeit mit dem Pestalozzi-Fröbel-Haus gegründete Soziale Frauenschule. Beide Einrichtungen sind bedeutende Bildungsprojekte der Frauenbewegung, deren Geschichte im Archiv des PFH und im Alice-Salomon-Archiv der ASFH dokumentiert ist.

Über die Entstehung des Archiv- und Dokumentationszentrums für soziale und pädagogische Frauenarbeit, einer Kooperation der genannten Archive, berichten die stellvertretende Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, Sigrid Ebert, und die Rektorin der Alice-Salomon-Fachhochschule, Christine Labonté-Roset. Sabine Sander, Leiterin der Bibliothek und des Archivs des PFH gibt einen Überblick über die vielfältige Geschichte des PFH und die Entstehung des Archivs. In einem weiteren Beitrag wird besonders die Bedeutung des alten Schularchivs der ehemaligen Sozialen Frauenschule für die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Frauen im Nationalsozialismus von Adriane Feustel hervorgehoben.

Das Archiv- und Dokumentationszentrum für soziale und pädagogische Frauenarbeit bildet eine Ergänzung zu den schon länger bestehenden Sozial- und Frauenarchiven, mit denen es zusammenarbeitet. Wie vielfältig und eng die historischen Verbindungen sind, wird besonders deutlich in den Ausführungen von Christiane Schuchard, Oberarchivrätin am Landesarchiv Berlin, über das Helene-Lange-Archiv, einem der wichtigsten Archive der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, und von Heidi Koschwitz, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, das eine der ältesten Sammelstellen für Informationen der Wohlfahrtspflege in Deutschland ist und das mit dem PFH und der Sozialen Frauenschule eng zusammenarbeitete. Petra Zwaka, Leiterin des Schöneberg Museums, macht beispielhaft deutlich, wie Frauengeschichte verschüttet worden ist und welcher Bemühungen es bedurfte, sie wieder freizulegen. Dass und inwiefern die Rekonstruktion von Frauengeschichte und besonders von jüdischer Frauengeschichte eine aktuelle, anhaltende Aufgabe ist, hebt Cornelia Wenzel, Mitarbeiterin des Archivs der deutschen Frauenbewegung in Kassel, am Beispiel von Bertha Pappenheim hervor. Das gleiche gilt für Alice Salomon, von der außer ihren veröffentlichten Schriften nur weniges erhalten und archiviert ist.

Der historische Zusammenhang zwischen Frauenbewegung und der Entwicklung von Sozialpädagogik und sozialer Arbeit steht nicht mehr in Abrede, aber die Frage, wie er aufzufassen, zu gewichten und zu bewerten ist, bleibt strittig. Die Sammlungen der Archive sind ein Dokument dieses Zusammenhangs, sie zeigen wie die Frauen, die hier lehrten, lernten und praktisch tätig waren, diesen Zusammenhang diskutierten, interpretierten und mit ihm umgingen. Eine wichtige Seite des Zusammenhangs zwischen Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis stellen die Historikerinnen Iris Schröder und Anja Schüler in ihrem Beitrag „Soziale Arbeit als Glücksversprechen“ dar, mit dem sie nicht nur an eine utopische Dimension sozialer Arbeit erinnern, sondern zugleich auf die Konflikte aufmerksam machen, die von der Geschichte sozialer Arbeit nicht zu trennen sind. „Im Mittelpunkt stehen dabei Geschlechter- und Generationenkonflikte.“ Ihre Darstellung zeigt die Geschichte der sozialen Arbeit und Sozialpädagogik der Frauen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als eine unabgeschlossene, als eine „offene Geschichte“, die für aktuelle Diskussionen relevant ist, im Unterschied zu anderen Darstellungen, in denen sie auf eine Art Vorgeschichte reduziert erscheint.

Wie sehr weiterhin ganze Bereiche dieser Geschichte verschüttet sind und ausgeblendet werden, in welcher Weise solche Ausblendung selbst wiederum mit dem gesellschaftlichen Geschlechterverhältnis zusammenhängt und welche nicht nur theoretischen Defizite damit entstehen, diesen Fragen geht die Sozialpädagogin Silvia Staub-Bernasconi in ihrem Beitrag „Unterschiede im Theorieverständnis von Sozialarbeit/Sozialpädagogik – Auf der Spurensuche nach einem gesellschaftlichen Geschlechterverhältnis“ nach und sie gibt eine ebenso provozierende wie überzeugende Erklärung für das, was sie eine Dauerirritation nennt: Warum und inwiefern die Pionierinnen der sozialen Arbeit als Theoretikerinnen, die sie gleichwohl waren, nicht wahrgenommen und aus der wissenschaftlich theoretischen Diskussion ausgeschlossen werden. Dabei wird deutlich, welches Potential die frühen „bedürfnisorientierten“ Theorieansätze für aktuelle Auseinandersetzungen um die Reform der Sozialsysteme und der Sozialen Arbeit bergen.

In den Beiträgen aus der sozialpädagogischen Praxis geht es um gegenwärtig notwendige Veränderungen und um hierfür beispielhafte Ansätze. Im Zentrum der Berichte stehen Fragen der Professionalisierung und Qualifizierung im Zusammenhang neuer Anforderungen durch veränderte Familienstrukturen und ökonomische Rahmenbedingungen. Die Sozialpädagogin Barbara Kühnel hebt in ihrem Beitrag „Kitaberatung im Wandel“ neue Anforderungen an die Erzieherinnen hervor, wie Konzeptionsentwicklung und Profilbildung der Kita, größere Transparenz in der pädagogischen Arbeit und Beteiligung der Eltern und zugleich eine vermehrte Beratung der Eltern, insgesamt mehr und bessere Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentation der eigenen Arbeit. Eine stärkere Orientierung der pädagogischen Arbeit nach außen betont auch die Sozialpädagogin Dorothee Ruddat in ihren Ausführungen über den Nachbarschafts- und Familientreffpunkt „Kiezoase“ des Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Sie hebt die „positiven Zwänge“ einer betriebswirtschaftlichen Orientierung der Arbeit hervor, denn „sie zwingt, uns auf das einzustellen, was die Menschen wollen. Sie nimmt uns Sozialarbeitern/ Sozialpädagogen die Macht zu definieren, was die Menschen wollen/sollen.“

Taucht im Beitrag von Barabara Kühnel ein Widerschein jenes von Iris Schröder und Anja Schüler hervorgehobenen Glücksversprechens sozialer Arbeit wieder auf, indem sie neben aller erforderlicher größerer Rationalität darauf besteht, „dass der Spaß an der Arbeit nicht verloren gehen darf, weil daraus die Kraft geschöpft wird für die weiteren ... Herausforderungen“, so klingt in dem Beitrag von Dorothee Ruddat etwas von der Bedürfnisorientierung an, die Silvia Staub Bernasconi als theoretische Grundlage der Pionierinnen der sozialen Arbeit hervorhebt. Dass jedoch Bedürfnis- und Bedarfsorientierung nicht ohne weiteres als identisch verstanden werden dürfen, darauf weist Dorothee Ruddat mit dem kritischen Einwand hin, dass sie sich eine „Maxime“ gesetzt habe, die laute „Ich bin nie bereit, ein Angebot nur aus finanziellen Gründen zu machen“. Die Frage des Geschlechterverhältnisses scheint dabei zunächst „nur“ insofern von Belang, als die neuen Konzepte nicht zuletzt auf Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter reagieren.

Vergleich und Diskussion der auf dem Colloquium „Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000“ vorgetragenen Ansätze stehen noch aus. Sie dürften nicht nur von theoretischem Interesse sein.

Im zweiten Teil der vorliegenden Dokumentation sind die Beiträge zur Ehrung der israelischen Feministin und Wissenschaftlerin Alice Shalvi wiedergegeben. Der Alice-Salomon-Award, mit dem Alice Shalvi ausgezeichnet wurde, ist zum ersten Mal verliehen worden. „Der Alice-Salomon-Award ist ein weiterer Schritt, das Lebenswerk Alice Salomons wieder ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zu heben und es gleichzeitig in seiner Aktualität und fortdauernden Bedeutung zu würdigen, indem wir diesen Preis an Frauen verleihen, die im übertragenen Sinn dieses Werk unter heutigen Bedingungen weiterführen und verstärken.“ Alice Shalvis eindrucksvolles Lebenswerk wird von Cynthia Kain, der stellvertretenden Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, von Nicola Galliner, der Leiterin der Jüdischen Volkshochschule, und Christine Labonté-Roset gewürdigt.

Alice Shalvi zeigt in ihrer Rede „The Ideal of a Welfare State“ mit eindringlichen Worten die Gültigkeit dessen, worum es Alice Salomon in ihrem sozialen Engagement gegangen ist und was es zu dessen Umsetzung bedarf: „Women like Alice Salomon, who combine prophetic vision with energy, practical skills, dedication and determination, can inspire us in our efforts to ensure that the new century will be one of caring, not competition; of peace, not war; of love, not hatred. I hope the Alice Salomon School will play its part in bringing that brave new world into existence; and I pray that each and every one of us will accept our individual responsibility for Tikkun Olam, for repairing the world, so that our children and our children's children never know the racism and hatred that destroyed Alice Salomon's professional life, nor the want, the sickness, the violence that are still all too prevalent.“

Die öffentliche Unterstützung des Eröffnungscolloquiums und die Anerkennung der Stadt Berlin für Alice Shalvi haben der damalige Kultursenator in einem Brief und der gegenwärtige Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band, in einem Grußwort ausgedrückt, mit dem die Dokumentation schließt.

Adriane Feustel, Helga Metzner, Sabine Sander, Erika Sommer

Inhalt

Vorwort – Editorial

Begrüßung
Sigrid Ebert und
Christine Labonté-Roset

Das Archiv-und Dokumentationszentrums für soziale und pädagogische Frauenarbeit

Das Archiv des Pestalozzi-Fröbel-Hauses
Sabine Sander

Das Alice-Salomon-Archiv /ASFH Berlin
Adriane Feustel

Berichte aus Archiven zur Frauen- und Sozialgeschichte

Das Schöneberg Museum und Archiv
Petra Zwaka

Das Helene-Lange-Archiv und seine Geschichte
Christiane Schuchard

Vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen zur Auskunftsstelle und zurück
Heidi Koschwitz

Das Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel
Cornelia Wenzel

Soziale Arbeit als Glücksversprechen Lesarten einer Reformbewegung im Deutschen Kaiserreich
Iris Schröder und Anja Schüler

Unterschiede im Theorieverständnis von Sozialarbeit/ Sozialpädagogik – Auf der Spurensuche nach einem gesellschaftlichen Geschlechterverhältnis
Silvia Staub-Bernasconi

Berichte aus der Sozialpädagogischen Praxis

Kitaberatung im Wandel
Barbara Kühnel

Veränderungen im Berufsfeld von Sozialarbeit und Sozialpädagogik
Dorothee Ruddat

Verleihung des Alice-Salomon-Award an Alice Shalvi

Grußwort des Vorstands der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
Cynthia Kain

Laudatio
Nicola Galliner

Zur Verleihung des Preises
Christine Labonté-Roset

The Ideal of a Welfare State
Alice Shalvi

Grußwort des Bezirks Tempelhof-Schöneberg von Berlin
Ekkehard Band

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