Familiengeschichte(n):

Erfahrungen und Verarbeitung von Exil und Verfolgung im Leben der Töchter
Bericht über die 15. Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Frauen im Exil“
Die diesjährige Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Frauen im Exil“, die vom 28. bis 30. Oktober in der Alice-Salomon-Fachhochschule und unter der Schirmherrschaft der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen in Berlin stattfand, widmete sich dem Thema „Familiengeschichte(n). Erfahrungen und Verarbeitung von Exil und Verfolgung im Leben der Töchter“.
Aus Anlass des 15jährigen Bestehens der Arbeitsgemeinschaft zog Inge Hansen-Schaberg, seit 2001 Leiterin der Arbeitsgemeinschaft, Bilanz, stellte die besondere Art der Arbeit der von Beate Schmeichel-Falkenberg gegründeten Arbeitsgemeinschaft und die Themen und Resultate der bisherigen Tagungen dar, ging auf Desiderata und mögliche Forschungsperspektiven und das diesjährige Thema ein.
Der erste Abend war Alice Salomon gewidmet, der Namensgeberin des Tagungsortes. Adriane Feustel, Leiterin des Alice-Salomon-Archivs und Herausgeberin der Schriften von Alice Salomon, zeichnete die Bezugslinien innerhalb der Familie Alice Salomons nach. Sie unterhielt gute Kontakte zu ihren Nichten und Neffen und deren Familien und versuchte selbst im amerikanischen Exil -, die Verbindungen zwischen den über den Globus versprengten Familienmitgliedern aufrechtzuerhalten und sie zu unterstützen. Ilse Eden aus Berkeley (geb. 1928 in Berlin), eine der „Enkelnichten“, eine Wortschöpfung Alice Salomons, sprach über die Beziehung zu ihrer Großtante. Sie kam 1939 mit einem Kindertransport nach England und emigrierte 1947 zusammen mit ihrer Mutter, die eine Schülerin Alice Salomons war, in die USA. Ihr Vater wurde nach Auschwitz deportiert. Nicht nur in beruflicher Hinsicht sieht sie sich in die familiäre Tradition eingebunden (auch sie ist Sozialarbeiterin), Alice Salomon war ihr ein Vorbild dafür, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und es abzulehnen, für sich die Rolle als Opfer des Nationalsozialismus zu akzeptieren. Anschließend sprach ihre Tochter Jennifer Eden, die als Naturwissenschaftlerin und Mutter zweier kleiner Kinder in Salt Lake City lebt, von den in ihrer Familien tradierten Verfolgungserfahrungen, deren Tragweite ihr besonders bewusst wurde, seitdem sie selbst Kinder hat. Eindrucksvoll stellte sie dar, wie ihre Mutter sie selbst und ihren Bruder zu den Stätten und Personen ihrer Kindheit und Jugend im Exil in England führte.
Der Sonnabend begann mit der sehr anschaulichen Schilderung von Ilana Javitz, 1945 in Riga geboren und heute in Israel lebend, wie bedeutsam die Erzählungen ihrer Mutter für die Entwicklung ihrer jüdischen Identität waren. Ihre Eltern waren nach Kriegsende in ihre Heimat Lettland zurückgekehrt, in der das ehemals reiche jüdische Leben zerstört und die Zerstörung tabuisiert war. Doch in den Erinnerungen und Erzählungen der Mutter nahm diese Welt wieder Gestalt an, wurde in ihrer Vielschichtigkeit für die Tochter lebendig und für ihren weiteren Lebensweg entscheidend. Ilana Javitz betonte die lebensbejahende Kraft des Erzählens als „Weg zum Überleben“, als Möglichkeit, der Zerstörung entgegenzuarbeiten und das jüdische Erbe weiterzutragen.
Nicht die Tabuisierung des Jüdischen, sondern die des politischen Engagements stand im Mittelpunkt des Vortrags der Historikerin Catherine Stodolsky. Ihre Tante Lisa Fittko, die 1948 mit ihrem Mann Hans aus dem kubanischen Exil in die USA kam, wurde für sie zu einer wichtigen Bezugsperson, die mit ihrer lebenspraktischen und kontaktfreudigen Art der Nichte den Weg zur amerikanischen Kultur ebnete, während die Eltern ganz „Europäer blieben“. Die Widerstandsarbeit von Lisa Fittko und ihre Fluchthilfe in den Pyrenäen machten der Nichte die säkularen Traditionen ihrer Familie bewusst und weckten ihr Interesse für europäische Kultur und Geschichte. Mit diesem familiären Erbe setzt sich Catherine Stodolsky in ihrer Arbeit als Historikerin weiter auseinander. Sie arbeitet derzeit an einer Biographie Lisa Fittkos.
Die argentinische Künstlerin Monika Weiss ihre Werke waren vom 28.10. bis 14.11.2005 in der Ausstellung „Lange Schatten“ in der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin zu sehen sprach über ihre Auseinandersetzung mit dem Erbe der Mutter, die als Kind die Flucht durch viele Exilländer erlebt hatte. Angeregt durch ein künstlerisches Projekt in Argentinien (aus dem ihre Ausstellung „Transit“ hervorging), begann sie Ende der 1990er Jahre, sich diese Familiengeschichte anzueignen, indem sie die ganz gegenständliche Hinterlassenschaft ihrer Familie in Form von Fotografien, Briefen Alltagsgegenständen in Bildmontagen bearbeitet und so dem Gefühl der Fremdheit auch dies ein mütterliches Erbe Ausdruck verleiht.
Die Nachmittagssitzung eröffnete Christine Holzkamp mit einer Vorstellung der 1994 gegründeten Stiftung „ZURÜCKGEBEN“, die in Deutschland lebende jüdische Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen fördert. Da von der systematischen Beraubung der europäischen Juden auch die deutsche Bevölkerung profitierte, möchten die Initiatorinnen heutige Erben an ihre historische Verantwortung erinnern und mit gezielter Förderung jüdischer Frauen dazu beitragen, das kulturelle Leben zu bereichern auch wenn dieses „Zurückgeben“ in Anbetracht der Dimensionen der Beraubung in nur sehr bescheidenem Maße erfolgen kann.
Gezeigt wurde anschließend der Film „IMA“ (2001) von Caterina Klusemann, der mit finanzieller Hilfe der Stiftung „ZURÜCKGEBEN“ entstanden ist und der u.a. mit dem Bayrischen Dokumentarfilmpreis des Filmfestivals München ausgezeichnet wurde. Die 1974 geborene Caterina Klusemann setzt sich in ihrem Film mit dem Schweigen innerhalb ihrer Familie über erlittene Traumata auseinander. Ausgelöst wird ihre Suche durch die vielfältige „Überlebenden-Symptomatik“ innerhalb der Familie, die fremd und unverständlich scheint und ohne das Wissen um die verborgenen Geheimnisse nicht aufzulösen ist. Eindrucksvoll zeigt Caterina Klusemann einen schmerzhaften Prozess des Erzählens, in dem es der Enkelin gelingt, gegen den anfänglich erbitterten Widerstand der Großmutter, die „darüber nicht reden will“, ihr Recht auf das Wissen um die Familiengeschichte einzufordern.
Bettina Ramp führte zu Beginn des Abends in die für die Tagung in der ASFH aufgebaute Ausstellung „Der Koffer der Adele Kurzweil“ ein und berichtete über die Arbeit von und mit Grazer Jugendlichen, die in dem Projekt das Schicksal einer jüdischen Flüchtlingsfamilie recherchierten und dokumentierten. Ausgangspunkt des Projektes war ein Koffer mit den Hinterlassenschaften der Familie Kurzweil, der auf dem Dachboden einer Polizeistation im französischen Montauban entdeckt wurde. Dort hatten die Kurzweils ihre letzte Zuflucht gefunden, bevor sie nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Die Tochter Adele Kurzweil war zuvor kurze Zeit in einem Kinderheim in Montmorency untergebracht, das Ernst Papanek leitete.
Hanna Papanek, die ebenfalls in diesem Heim lebte und mit Adele Kurzweil befreundet war, beschloss den Abend mit einer Lesung aus ihrem Buch „In search of exile“, in dem sie den Spuren ihrer Familie von etwa 1880 bis heute nachgeht, eingebunden in die politische Geschichte im allgemeinen und in die Geschichte der Sozialdemokratie im besonderen. Sie trug aus dem Kapitel über ihre Mutter Elly Kaiser vor.
Der zweite Tag begann mit einem Beitrag von Irene Below zu den lebensgeschichtlichen Prägungen, die zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Themen Exil und Holocaust führen können. In einem Florentiner Antiquariat stieß sie als junge Doktorandin auf den Nachlass der Schauspielerin, Journalistin und Übersetzerin Lucy von Jacobi. Die dadurch angeregte Beschäftigung mit dem Thema Exil und den Verlusten der deutschen Kultur prägte ihre weitere wissenschaftliche Arbeit nachhaltig. Diese selbst gewählte Aufgabe steht nicht zuletzt in Zusammenhang mit der eigenen Familiengeschichte, aus der jüdische Freundinnen und Verwandte durch Verschweigen ausgegrenzt wurden.
Über Barbara Honigmanns „Elternbücher“ referierte Maria Kublitz-Kramer. Auf der Suche nach den Spuren des Vaters („Eine Liebe aus nichts“, 1991) setzt sich Barbara Honigmann mit der Tabuisierung des Jüdischen in der DDR auseinander, die zur Erfahrung der „Exilierung“ bei der Tochter führte. In „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (2004) skizziert die Autorin das Bild der Mutter immer wieder neu und anders, ihre Geschichte bleibt fragmentarisch. Damit verweigert sich die Tochter dem Auftrag der Mutter, die Geschichte ihrer Ehe mit dem Spion Kim Philby aufzuzeichnen, und damit der Enträtselung ihrer Geheimnisse. Das kann auch als Akt der Emanzipation von der Tochterrolle und den damit verbundenen Delegationen gesehen werden.
Die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen den Autorinnen Elisabeth Langgässer und Cordelia Edvardson untersuchte Sonja Hilzinger im letzten Vortrag. Im Beziehungsgeflecht der Familie, in der christlich-katholische Motive allgegenwärtig waren, wie auch nach der Rassenideologie der Nazis, die sie als „Dreivierteljüdin“ definierten, wurde die Tochter Cordelia ausgegrenzt. Sie wurde nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und überlebte. Die späte Befreiung aus dem „Bann der Schrift“ ihrer Mutter und die Entwicklung der eigenen Autorschaft wurde für Cordelia Edvardson lebensnotwendig, um sich (als Jüdin) neu definieren und von der Mutter ablösen zu können.
Die Tagung war, nicht zuletzt dank der so unterschiedlichen Genres, die behandelt wurden, überaus lebendig, reich an Diskussionen und Anregungen. Das Thema stieß schon im Vorfeld auf so großes Interesse, dass die Diskussion darüber auf der nächsten Tagung weitergeführt werden soll.
5. November 2005
Helga Gläser

