Alice Salomon, 1872 1948, ist eine der herausragenden Persönlichkeiten Berlins im ersten Drittel dieses Jahrhunderts, deren Wirkung weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Die von ihr gegründete „Soziale Frauenschule“ (1908) und die Lehr- und Forschungs-„Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ (1925) genossen internationales Ansehen und waren ein Forum sozialpolitischer Auseinandersetzungen. In Zusammenarbeit mit Sozialreformerinnen besonders in den USA und Großbritannien prägte sie die Entwicklung moderner sozialer Praxis, für die sie die theoretischen und pädagogischen Grundlagen legte.
Alice Salomon war initiativ, aufklärend und innovativ in unterschiedlichen Bereichen tätig. Sie war:
Lehrerin und Schulleiterin, die mit der Gründung der „Sozialen Frauenschule“ (1908) und der „Akademie für pädagogische und soziale Frauenarbeit“ (1925) eine soziale Ausbildung entwickelte, die in ihren Grundzügen bis heute Bestand hat. Nachfolgerin ist die heutige Alice Salomon Hochschule Berlin.
Publizistin, die zahlreiche Artikel verfasste, durch die sie soziale Reformen, wie etwa den Wöchnerinnen- und Mutterschutz, den Schutz der Heimarbeiterinnen oder die Festlegung der Maximalarbeitszeit entscheidend förderte.
Wissenschaftlerin, die als eine der ersten Frauen in Deutschland 1906 in Nationalökonomie promovierte, einen eigenständigen Ansatz zur Erklärung der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit entwickelte und wichtige praxisorientierte Forschungen, besonders im Bereich der Familienforschung, anregte, durchführte und auswertete und ihnen mit der „Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ einen institutionellen Rahmen schuf.
Politikerin, die führend im Bund Deutscher Frauenvereine und im International Council of Women tätig war und sich sowohl für die gemeinsamen Rechte von Frauen, wie auch für die je spezifischen Rechte von Arbeiterinnen und bürgerlichen Frauen einsetzte.
Rednerin, die in Jugendversammlungen und auf Frauentagungen, auf Fachkonferenzen und internationalen Kongressen für soziales Engagement, soziale Gerechtigkeit und die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben warb und zu begeistern verstand.
Das Werk Alice Salomons
ist wegweisend in der Entwicklung einer sozialen Ethik, zu der die Verbindung und Balancierung privater und öffentlicher sozialer Verantwortung gehören.
Alice Salomon formulierte in einer Zeit, in der die überkommene christlich-religiöse Begründung öffentlicher Moral in Frage gestellt wurde und die nach einer grundlegenden neuen Begründung von Moral und sozialer Verantwortung verlangte, solche Begründung nicht gegen die Befürfnisse des Einzelnen, sondern in bewusster Reflexion von diesen.
Sie knüpfte an die Tradition einer undogmatisch verstandenen jüdischen Tradition der „Zedaka“ an. Ihre Schriften stehen zugleich für den Versuch einer wirklichen Assimilation und Integration jüdischer sozialer Tradition in die deutsche Kultur, die es nach der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die Nazis erst wieder zu erinnern gilt.
Alice Salomons Werk zeigt, wie soziale Themen und Probleme formuliert werden und in den öffentlichen Diskurs treten. Der herkömmliche Gegensatz zwischen Theorie und Praxis wird als Fiktion deutlich. Für die aktuelle Debatte um eine Neudefinition sozialer Wahrnehmung und Verantwortung sind die Schriften von A. Salomon von grundlegender Bedeutung.
Erst in jüngster Zeit erfahren Alice Salomon und ihr Werk erneute Anerkennung und eine breitere und differenzierte Auseinandersetzung.
Ihr umfangreiches schriftliches Werk ist ein beeindruckendes Dokument der Sozial- und Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts. Zentrales Thema der Schriften ist die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und Wahrnehmung sozialer Verantwortung im Zusammenhang der Frauenemanzipation sowohl in der Praxis wie in der Pädagogik und in der politischen Theorie.

