Das Alice
Salomon Archiv
Zur Geschichte des Raumes
Haus 3 des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Die Alice-Salomon-Schule
Restaurierung Die historische Raumstruktur 1
Modernisierung in den 70er Jahren: Eisler, Brecht und Rockmusik
Das Zentrum der Sozialen Frauenschule Die historische Raumstruktur 2
Spuren 1: Musik in der Sozialen Arbeit, Frauenräume ...
Foto-Dokumente 1: Die Schule als sozialer Raum
Foto-Dokumente 2: Sozialer Raum als Schule
Archiv-Dokumente 2: Über die Grenzen hinaus Ein internationaler Raum
Spuren 2: Die Raumfrage eine politische Klassenfrage
Archiv-Dokumente 3: Ort der Negation und nationalsozialistischer Volkserziehung

Blick durch die Tür in das Archiv, 2002
Im Raum 111 befinden sich das Alice-Salomon-Archiv und das Archiv des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (PFH). Zusammen bilden sie das Archiv- und Dokumentationszentrum für soziale und pädagogische Frauenarbeit. Der Raum selbst hat eine Geschichte: Seine Geschichte ist Teil der Geschichte der sozialen Frauenarbeit, die ihrerseits mit ihm aufs engste verbunden ist. Fast könnte man sagen, ohne ihn ist diese Geschichte nicht denkbar.
Raum 111 ist ein großer übersichtlicher und hell wirkender Raum mit einem durch eine Schwingtür mit Glasfenstern und eine Glaswand abgetrennten Eingangsbereich. Deshalb entsteht der Eindruck, dass man den Raum betritt. Man ist nicht sofort drinnen, obwohl man schon hineinsehen kann, sondern geht durch das Entrée, durch die Schwingtür und erst dann ist man in dem Raum, nun aber wirklich inmitten des Raumes, der sich vor einem und zu beiden Seiten erstreckt. Der Raum ist nicht besonders hoch und hat eine breite Fensterfront, die am einen Ende zu einem kleinen Erker ausgebaut ist, das nimmt dem Raum die Strenge.

Die soziale Frauenschule, Außenansicht, ca 1915
Haus 3 des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Die Alice-Salomon-Schule
Das Archiv- und Dokumentationszentrum ist seit dem Jahr 2000 in dem Raum angesiedelt. Kurz zuvor, Ende 1998, war die Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik aus den Gebäuden auf dem Gelände des Pestalozzi-Fröbel-Hauses zwischen der Goltzstraße und der Karl-Schrader-Straße in Berlin-Schöneberg ausgezogen nach Hellersdorf. In den Räumen in Schöneberg war es zu eng geworden. Es war der erste Umzug der Fachhochschule, seit Alice Salomon sie 1908 unter dem Namen "Soziale Frauenschule" gegründet hatte zunächst als Gast in dem stattlichen, backsteingotischen, 1898 eröffneten Gebäude des PFH, seit 1914 in einem neuerrichteten schlichten modernen Gebäude im Garten des PFH.
Es fügte sich mit seiner Backsteinfassade in das Ensemble der PFH Gebäude, zu dem außer dem Kindergärtnerinnenseminar noch eine Haushaltungsschule gehörte, gut ein und erhielt in den 20er Jahren, als die Soziale Frauenschule dem Kuratorium des PFH mit unterstellt wurde, die Bezeichnung Haus 3 des PFH. Die Gebäude werden bis heute so genannt: Haus 1, Haus 2 und Haus 3.
Restaurierung die historische Raumstruktur 1
Für den Einzug des Archiv- und Dokumentationszentrums für soziale und pädagogische Frauenarbeit wurde Raum 111 in Haus 3 renoviert und bis zu einem gewissen Grade restauriert. Statt der schmucklosen und nicht so recht zur Ästhetik des Gebäudes passenden Sperrholztür wurde eine zur Hälfte verglaste Kassettentür eingebaut, wie sie in anderen Räumen erhalten war. Sie gibt den Blick in den Raum frei, verschafft ihm zusätzliches Licht; und gleichzeitig erscheint er durch zahlreiche sich überlagernden Spiegelungen in den Glastüren und -wänden wie versponnen. Im Inneren des Raumes wurde die Deckenverkleidung entfernt, die ursprüngliche leicht gewölbte Decke freigelegt. Der Raum erhielt seine alte Höhe zurück und gewann durch die nun wieder sichtbaren Deckenträger zusammen mit zwei Säulen eine Struktur, die den grossen länglichen Raum gliedert und unterteilt.
Modernisierung in den 70er Jahren: Eisler, Brecht und Rockmusik
Die beseitigten Einbauten gehörten zu zweckmässigen Modernisierungen in den 1970er Jahren, bei denen auch trennende Wände entfernt und die einfachen vielfach durch weiße Sprossen unterteilten Schiebefenster durch grossflächige Doppelfenster ersetzt wurden. Die Veränderungen waren praktisch, kostensparend und funktional. Dass sie die Ästhetik des historischen Gebäudes beeinträchtigten, interessierte dabei kaum. Das Interesse war in den 1970er Jahren eher darauf gerichtet, sich von historischem Ballast zu befreien: Verdecktes, Geleugnetes, Verdrängtes bloßzulegen, hinter die Fassaden zu sehen statt historische Fassaden zu pflegen. Um Wiederentdecken von Geschichte als Geschichte von Protest und Widerstand und der Verbindung von sozialer Arbeit mit gegenwärtigen Protestbewegungen ist es auch und gerade in Raum 111 gegangen, nachdem er nach seiner Modernisierung zum Medienraum Musik mit einer Vielzahl von Instrumenten und Musikanlagen geworden war. Brecht und Eisler und Rockmusik gehörten zu den Schwerpunkten.

Raum 111 in den 50er Jahren: die Bibliothek
Zentrum der Sozialen Frauenschule Die historische Raumstruktur 2
Der Raum 111 war nicht immer ein Unterrichtsraum und als bloßer Unterrichtsraum, auch wenn er ein besonders experimenteller war, hätte er sich vielleicht auch nicht so fraglos als idealer Standort des Alice-Salomon-Archivs angeboten. Der Raum 111 war überhaupt nicht immer ein Raum gewesen. Bevor er zum Raum 111 wurde, bestand er aus drei Räumen: zwei kleineren und einem größeren, von einem kleinen Flur aus erreichbar, von dem sich ein Teil heute in dem Entrée erhalten hat. Betrat man den Flur, der zugleich als ein Vorraum mit einer weißen Bank, einem kleinen Tisch und zwei Stühlen ausgestattet war, so gelangte man gleich linker Hand in das Sekretariat, von dort aus in das Zimmer der Schuldirektorin, und an seinem Ende in den größten der drei Räume, der seinerseits auch vom Direktorinnenzimmer direkt zugänglich war. Dieser diente später als Bibliothek, ohne dass sich genau sagen ließe, ab wann. Bis in die 60er Jahre waren diese Räume, die die ganze erste Etage des alten Schulhauses umfassten, das Zentrum der Sozialen Frauenschule. In den 60er Jahren zogen Schulleitung und Sekretariat in einen ergänzenden Neubau in der Goltzstraße, der mit dem alten Schulhaus im Garten des PFH verbunden war. Die Bibliothek blieb in dem Altbau.
Spuren 1: Musik in der Sozialen Arbeit, Frauenräume ...
Soweit scheint die Geschichte des Raumes 111 wenig spektakulär, auch wenn sie auf einige historische Spuren führt, die weiterzuverfolgen nicht uninteressant sein könnte. Wie etwa die: Was war der Gegenstand des Musikunterrichts in den 50er und 60er Jahren, nachdem nach 1945 die musischen Fächer (statt nationalpolitischer Erziehung) in der Ausbildung stärkeres Gewicht erhielten und (1958) Musik neben Werkarbeit, Gymnastik und Laien- und Puppenspiel als eigenständiges Fach aufgeführt worden war. Wo und mit welchen Mitteln wurde er durchgeführt. Aus den Jahren des Nationalsozialismus ist z.B. bekannt, dass in Sonderlehrgängen für BDM-Führerinnen der "Volkskunst" besonderes Gewicht zukam. Was beinhaltete der Musikunterricht in den regulären Kursen und wozu diente er? Wir wissen, dass Musik von Anfang an zur Sozialarbeit gehörte. In einem ihrer ersten Artikel berichtete Alice Salomon 1900 über Jugendklubs in England und das erste Arbeiterinnenheim in Berlin, das sie zusammen mit anderen 1898 gegründet hatte. Sie rief zur Gründung weiterer "Klubs und Erholungsheime für jugendliche Arbeiter“ auf und stellte dar, was dazu nötig sei:
„Hat man einen Schulraum, ein Bureau, […] für die Abendstunden zu Verfügung, so macht die Einrichtung nicht viel Sorge und Kosten; es handelt sich dann nur um Beschaffung und Unterbringung eines Schrankes, in dem man einige notwendige Gegenstände, etwas Geschirr, eine Theemaschine u.s.w., Bücher, Handarbeiten aufbewahrt, und um Anschaffung eines Klaviers, das allerdings für derartige Klubs und Heime ganz unentbehrlich ist." Denn die Helferinnen sollten sich bemühen u.a. "durch zwanglose Unterhaltung, durch Musik, durch Vorträge für die Abwechslung und Zerstreuung der Mitglieder Sorge zu tragen."
Gleichwohl gab es in den Ausbildungskursen der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit keinen Musikunterricht. Klavierspielen gehörte zu den Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die die meisten bürgerlichen Mädchen von Hause aus verfügten und die sie in die soziale Arbeit einbringen konnten, während ihre schöngeistige Bildung und Erziehung sie im übrigen gerade nicht zu sozialer Hilfsarbeit qualifizierte. Aber hier ist nicht der Ort, diese Spur weiterzuverfolgen, selbst wenn sie wie zufällig zu einem weiteren und sehr frühen Raum geführt hat, der von Frauen für Frauen eingerichtet wurde, von bürgerlichen jungen Frauen wie Alice Salomon, die sich aus ihrem privaten Ghetto als 'höherer Tochter' zu befreien versuchten, für junge Arbeiterinnen, die über keinen eigenen privaten Raum verfügten, meist nur eine Schlafstelle, d.h. ein bloßes Bett das sie häufig noch mit anderen teilen mussten zum Schlafen hatten, und denen auch kein öffentlicher Raum zur Verfügung stand, in dem sie sich unterhalten, weiterbilden und vergnügen konnten.



Raum 111 in den 20er Jahren: Sekretariat, Arbeitszimmer Alice Salomons und Konferenzraum

Alice Salomon mit Schülerinnen, ca. 1915
Foto-Dokumente 1: Die Schule als sozialer Raum
Von den ursprünglichen Räumen des Raumes 111 gibt es einige Bilder, mit denen es lohnt, sich etwas näher zu befassen. Die Fotos stammen aus den 20er Jahren und sind zusammen mit anderen in einem Album, das Freunde und Kolleginnen Alice Salomon zum 30. Jubiläum der Sozialen Frauenschule 1929 geschenkt haben. Bevor 1908 die zweijährige Schule eröffnet wurde, hatte es seit 1899 einjährige Ausbildungskurse unter Leitung Alice Salomons gegeben. Das Fotoalbum wurde vor Jahren zufällig mit anderen Papieren zusammen in einem alten Karton gefunden. Es ist ein einzigartiges Dokument zur Geschichte der Sozialen Frauenschule. Mit wenigen Bildern und Worten vermittelt es einen anschaulichen Eindruck von der Schule und ihrer Bedeutung. Es zeigt das Haus, die Klassenräume, den Dachgarten mit Blumen und Rasen einen der ersten in Berlin, zeigt Schülerinnen und Lehrerinnen beim Untericht und in den Pausen, auf Studienfahrten, im ländlichen Erholungsheim und Internat.
Das Bild einer kleinen überschaubaren Schule: 200 Schülerinnen besuchten die Schule in guten Jahren. Die Lehrerinnen und Schülerinnen werden als einzelne besondere Frauen erkennbar, auch wenn sie in einer Gruppensituation fotografiert sind. Sie erscheinen selbstbewusst. Die Räume vermitteln bei aller Sachlichkeit so etwas wie eine schützende Geborgenheit.

Berliner Arbeiterinnenheim, ca. 1900
Foto-Dokumente 2: Sozialer Raum als Schule
Außer den Fotos aus der Schule und dem Schulleben zeigt das Fotoalbum, jeweils auf einer Seite dargestellt und mit einem kurzen Text erläutert, verschiedene soziale Einrichtungen. Einrichtungen, in denen die Schülerinnen der Sozialen Frauenschule als Praktikantinnen tätig waren und angeleitet wurden: z.B. im Kindertagesheim Sonnenhaus in Berlin-Lichtenberg, einem modernen Kindergarten des Fröbel-Vereins; oder im Archiv für Wohlfahrtspflege, das u.a. Informationen über soziale Einrichtungen in Deutschland und im Ausland sammelte und ordnete; oder bei der neu eingerichteten weiblichen Polizei, des weiteren in einer Beratungsstelle für Heilerziehung, oder in der Zentrale für private Fürsorge und in Dr. H. Neumanns Kinderhaus, einem Säuglings- und Kinderkrankenhaus, sowie in der sozialen Krankhausfürsorge und nicht zuletzt im ersten Berliner Arbeiterinnenheim.
Das Fotoalbum macht anschaulich wie eng theoretische und praktische Ausbildung zusammengehörten. Viele der Lehrkräfte, die in dem Album abgebildet sind oder kurze Texte verfasst haben, leiteten eine der dargestellten sozialen Einrichtungen, so z.B. Siddy Wronsky, Ruth von der Leyen, Margarete Berent, Frieda Duensing, Albert Levy. Das Fotoalbum lenkt auch die Aufmerksamkeit darauf, wie sich die Entwicklung der Ausbildung und des sozialen Berufs gegenseitig förderten. Unter den genannten Einrichtungen sind sowohl solche, die wichtige Impulse für die Ausbildung und den Beruf gaben, wie die Zentrale für private Fürsorge (1893 als Auskunftsstelle der deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur gegründet), in der Alice Salomon selbst in den 1890er Jahren ihre ersten praktischen Erfahrungen sammelte, Einblick in die Zulänglichkeiten und Unzulänglichkeiten der Hilfsangebote und der Notlagen der Hilfesuchenden gewann und an deren Aufbau sie über Jahre beteiligt war, oder andere wie das Arbeiterinnenheim, das, wie bereits erwähnt, eines der frühen praktischen Projekte war, das von Mitgliedern der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit ins Leben gerufen wurde, nachdem sich diese bereits einige Jahre theoretische und praktische Kenntnisse und Erfahrungen erworben hatten. Alice Salomon hat häufig hervorgehoben, dass die Ausbildung den Beruf geschaffen habe und nicht umgekehrt.

Konferenzraum der Sozialen Frauenschule, ca. 1915

Regale des Alice-Salomon-Archivs, 2002
Archiv-Dokumente 1: Direktorium und Konferenzzimmer: Ort des Austauschs und der Vermittlung
Ein wichtiger Ort, an dem Austausch und Vermittlung dazu stattfanden, war darum die Soziale Frauenschule, die das Erbe der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit angetreten hatte und nun erstmals einen festen Platz, buchstäblich einen Raum dafür bot besonders nachdem sie 1914 das eigene Schulhaus bezogen hatte und es nun neben dem Arbeitszimmer der Sekretärin und der Direktorin ein Konferenzzimmer gab, eben jenen hinteren Teil des Raums 111, in dem sich heute die Unterlagen der Sozialen Frauenschule und eine Sammlung der Schriften Alice Salomons befinden. Eine Zeichnung zeigt wie der Raum in den Anfangsjahren eingerichtet war.
Ein Blick in die heutigen Archivregale verrät, was sonst noch in dem Konferenzzimmer angeregt, diskutiert, organisiert und praktisch umgesetzt wurde.
Hier wurde 1916/17 die Konferenz der Sozialen Frauenschulen Deutschlands ins Leben gerufen, um einheitliche Ausbildungsstandards und ein gültiges Verständnis darüber zu erreichen, wie der soziale Beruf zu definieren sei, zu einem Zeitpunkt, als sich die Sozialarbeiterinnen gegenüber verbreiteten Vorbehalten gegen Frauenarbeit überhaupt und die soziale Frauenarbeit im besonderen allmählich Anerkennung verschafft hatten, als der Bedarf an Sozialarbeiterinnen durch den Krieg stark zunahm und eine Vielzahl von überstürzten und zum Teil sehr spezialisierten Schulgründungen nach sich zog. Viele Sitzungen der Konferenz bis 1933 fanden hier, im "Raum 111", statt. Hier wurden auch die vorbereitenden Diskussionen für die Gründung der Frauen-Hochschule, der "Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit", geführt und ihre Gründung im Mai 1925 beschlossen. Und ebenfalls hier wurde über die Forschungsabteilung beraten, die schließlich unter der Leitung von Alice Salomon die erste große empirische Untersuchung über "Bestand und Erschütterung der Familie in Deutschland" durchführte (s. Bestände).
Archiv-Dokumente 2: Über die Grenzen hinaus Die Schule ein internationale Raum
Nicht zuletzt ist zu erwähnen, dass hier die Treffen zur Gründung des International Comittee of Schools for Social Work 1929 stattfanden, das bis heute (unter dem Namen: International Association of Schools for Social Work, IASSW) besteht, und dessen Präsidentin Alice Salomon viele Jahre bis 1937 war.
Einen Raum für internationale Treffen bot die Soziale Frauenschule nicht erst Ende der 1920er Jahre. Bereits in den Jahren unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg, als Kontakte ins Ausland rar waren und in weiten Teilen Deutschlands auf anhaltendes Misstrauen stießen, waren Besucher aus dem Ausland in die Soziale Frauenschule gekommen, wie etwa die amerikanische Sozialreformerin und Pazifistin Jane Addams, als sie sich für die Quäkerhilfe in Deutschland einsetzte und dazu u.a. mit Alice Salomon zusammenarbeitete. Alice Salomon verfügte über eine Vielzahl internationaler Kontakte und immer wieder kamen Frauen aus anderen Ländern Europas, aber auch beispielsweise aus Japan, um an der Sozialen Frauenschule und der Akademie Sozialarbeit zu studierenund und sich über die Verhältnisse in Deutschland zu informieren, zum Beispiel eine Delegation japanischer Pionierinnen der Frauenbewegung 1923, die der berühmte Fotograf Willi Römer im Konferenzraum der Sozialen Frauenschule fotografierte. So wie Alice Salomon und mit ihr die Soziale Frauenschule, die 1932 ihren Namen erhielt, über die Grenzen Deutschlands hinaus wirkte nicht zuletzt von dem Raum 111 aus , so wenig wäre Alice Salomons Lebenswerk denkbar ohne ihre Offenheit und ihr Interesse für Entwicklungen in anderen Ländern, eine Offenheit, die sie mit den meisten SozialreformerInnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts teilte.
Spuren 2: Die Raumfrage eine politische Klassenfrage
Schon in dem oben erwähnten Artikel über "Klubs und Erholungsheime für jugendliche Arbeiter" berichtete Alice Salomon über Beispiele in England, die sie als Vorbilder genau beschreibt. Aber es waren nicht nur einzelne Projekte, die sie aufgriff. Es waren grundlegende Entwicklungen der sozialen Reform, die sie studierte und für Deutschland fruchtbar zu machen suchte. Die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, deren Leitung sie 1899 nach dem Tod Jeannette Schwerins übernahm und zu großem Erfolg führte, verstand sie als eine Übersetzung der angloamerikanischen Settlementsbewegung auf die Verhältnisse in Deutschland. In England waren Studenten und Dozenten aus den Universitäten in die Viertel der Armen gezogen und hatten sich dort niedergelassen, um deren Lebensbedingungen zu beobachten und zu erfahren und ihnen ihre Dienste zur Verfügung zu stellen. Frauen waren an dieser Settlementsbeweung in großer Zahl beteiligt, genauso wie in den USA, wo eines der ältesten und bedeutendsten das von Jane Addams gegründete Hull House in einem Einwandererviertel Chicagos war. Alice Salomon hielt das Projekt der Settlements nicht für unmittelbar übertragbar auf die Situation in Deutschland und die Berliner Situation im besonderen, weil die Klassenauseinandersetzungen in Deutschland schärfer und unerbittlicher geführt wurden. Sie glaubte nicht nur, sondern wusste aus eigener Erfahrung, dass Eltern, gerade auch die Mütter aus den bürgerlichen Bezirken, ihren Töchtern nicht erlaubt hätten, in ein Armenviertel zu ziehen. So ist es kein Zufall, dass sich die Mädchen- und Frauengruppen und die Soziale Frauenschule ihre Räume in Schöneberg suchten, wo sie in Nähe zu denjenigen waren, deren Not lindern zu helfen sie sich vorgenommen hatten, und doch in einem geschützten bürgerlichen Milieu lebten, das ihnen erlaubte, sich auch öffentlich frei zu bewegen. Ein notweniger Schritt, um sich aus den engen familiären Grenzen emanzipieren und einen Beitrag zur Entwicklung sozialer Beziehungen über die Klassenschranken hinweg leisten zu können.
Archiv-Dokumente 3: Ort der Negation und nationalsozialistischer Volkserziehung
Das Projekt der Sozialen Arbeit, wie Alice Salomon es verstand, das individuelle Emanzipation mit der Verantwortung für die Hilfebedürftigen und Schwachen verband, wurde 1933 von den Nationalsozialisten zerstört. Die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit wurde aufgelöst. Die Bücher Alice Salomons verschwanden aus den öffentlichen Bibliotheken. Sie selbst durfte ihre Schule nicht mehr betreten und wurde 1937 aus Deutschland vertrieben. Die soziale Frauenschule bestand weiter. Jüdinnen, Sozialdemokraten und diejenigen, die sich widersetzten, wurden entlassen. Die Schulleiterin gab eine Erklärung ab, dass im Unterricht "auf allen Gebieten eine Verlagerung des Schwergewichts" vorgenommen und "andere Fragen in den Vordergrund" gerückt würden "als das bisher war". Die Schule wurde als Schule für Volkspflege von den nationalsozialistischen Behörden anerkannt. Schriftverkehr der Schulleitung und Ausbildungsunterlagen, mit Klausuren, Praktikumsberichten u.ä. sind für die Jahre 1933-1945 weitgehend erhalten (s. Bestände).
Raum für Erinnerung und Forschung
Der Raum 111 erinnert an beides: an die auf Emanzipation und soziale Gerechtigkeit orientierte Anfangszeit der sozialen Frauenarbeit und an ihre Negation in dem den Einzelnen der Gemeinschaft unterwerfenden und entrechtenden völkischen Konzept der NS-Volkspflege. Das Archiv- und Dokumentationszentrum für soziale und pädagogische Frauenarbeit im Raum 111 mit dem Alice-Salomon-Archiv der ASFH und dem Archiv des PFH dient dazu diese Erinnerung in Lehre und Forschung wach zu halten.
Adriane Feustel
1 Alice Salomon, Klubs und Erholungsheime für jugendliche Arbeiter (1901), in: Dies.: Frauenemanzipation und soziale Verantwortung, Ausgewählte Schriften, Bd. 1, hrsg. v. A. Feustel, Neuwied, Kriftel, Berlin 1997, S. 66;
2 Forschungen über "Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart", hrsg. v. Alice Salomon, 13 Bde., Berlin 1930-33.
3 Charlotte Dietrich, Direktorin der Sozialen Frauenschule an das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volkbildung v. 31.10.33; Alice-Salomon-Archiv, Akte R II.

