Interview mit Fadéla Amara zu den Unruhen in den Banlieues in Frankreich
Ein Beitrag der Alice-Salomon-Award-Trägerin und Präsidentin der Association „Ni Putes Ni Soumises“
Anläßlich der Verleihung des Alice Salomon Awards 2004 an die französiche Feministin Fadéla Amara wurde sie von Barbara Leitner interviewt.
Wegen seiner anhaltenden Bedeutung veröffentlichen wir das Interview als Auszug aus unserer neuen Publikation.
„Ein Kampf für die Emanzipation der Individuen, für Gerechtigkeit und Freiheit ist einer der schönsten Kämpfe“
Barbara Leitner Sie sagten, es müsse eine Verrückte sein, die eine Bewegung wie „Ni Putes Ni Soumises“ ins Leben ruft. Was heißt das, „eine Verrückte“ zu sein?
Fadéla Amara Verrückt sein heißt vor allem, eine Überzeugung zu haben hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter, aber auch hinsichtlich der Notwendigkeit, die Situation in den Vorstädten, in den banlieues, zu verändern. Und „folle“, verrückt muss man auch sein, weil das nicht ungefährlich ist, vor allem angesichts der islamistischen Gruppierungen, die dagegen auftreten. Aber ich bereue nichts.
Barbara Leitner Sie selbst gehören der zweiten Generation der Einwanderer an, jener Gruppe, die in den Vorstädten lebt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Fadéla Amara Um eine solche Bewegung ins Leben zu bringen, muss man selbst die Unterdrückung erlebt und gelebt haben. Das ist die Voraussetzung, um anderen jungen Frauen und Mädchen helfen zu können, für ihre eigene Emanzipation zu wirken. Vor allem geht es darum, den Mädchen und Frauen die Schuld zu nehmen, sie von dem Schuldgefühl zu befreien, und das Wort zu befreien, d.h. ihnen die Sprache zu geben, damit sie sich äußern können. Und das ist nicht leicht. Es geht um intime Erfahrungen des eigenen Lebens. Man muss ihnen vermitteln, was es heißt, man selbst zu sein und dazu zu stehen. Das erfordert auch, dass man gegen die Erziehung, die man seitens der Eltern, der älteren Generation und auch der Gesellschaft erfahren hat, auftritt. Gerade deshalb setzt es ein eigenes Erleben voraus.
Barbara Leitner Was bewog Sie politisch aktiv zu werden und wodurch wurde dieser Massenprotest ausgelöst?
Fadéla Amara Dass diese Bewegung zu einer Massenbewegung wurde, war ein Phänomen der Identifizierung. So verschieden die Menschen auch sind, sie erkannten sich in dieser Bewegung wieder, z.B. bei dem Marsch, der im März 2003 stattfand und an dem junge Frauen und Männer teilnahmen. Das gilt nicht nur für Menschen, die eingewandert sind, sondern auch für junge Frauen und Mädchen französischer Herkunft. Denn wichtiger als die Abstammung ist, zu erkennen, dass man in ähnlichen Situationen lebt, und sich zu solidarisieren.
Barbara Leitner Die Bedingungen haben sich in den letzten zehn, zwanzig, dreißig Jahren sehr verändert. Können Sie von den Umständen Ihrer Kindheit erzählen?
Fadéla Amara Ich bin nicht in einem banlieue, einem Vorort im strengen Sinne, geboren, sondern in dem, was man „bidonville“ nennt. Das waren Wellblechhüttenstädte, die später saniert wurden und verschwanden. Es war zwar ein Leben in Armut, aber dennoch hatte es auch gute Seiten. Eine der guten Seite war die „mixité“, d.h. dass Mädchen und Jungen zusammen zur Schule gingen was in Frankreich nicht selbstverständlich war. Damit entwickelte sich auch ein gegenseitiger Respekt. Zwar war die Erziehung für Jungen und Mädchen nicht gleich. Die Jungen hatten viel mehr Freiheiten als die Mädchen. Aber dennoch war die Voraussetzung wichtig, dass man gemeinsam erzogen wurde und gemeinsam zur Schule ging. Was sich gegenüber meiner Zeit verändert hat, ist ein neues Anwachsen von Gewalt in den Vierteln. Das liegt an drei Punkten: Erstens hat unsere Republik es nicht verstanden, alle ihre Kinder zu integrieren. Man muss dazu wissen, dass in unserem Land die Diskriminierung als System etabliert wurde. Man darf sich aber nicht vorstellen, dass die Diskriminierung lediglich die Gruppe der Eingewanderten angeht. Es gibt auch eine soziale Diskriminierung. Sie trifft genauso Menschen französischer Herkunft. Aber klar ist dennoch, dass die stärkste Diskriminierung von denjenen erfahren wird, die eingewandert sind. Der zweite Aspekt ist die Massenarbeitslosigkeit, die in den 90er Jahren auf diese Vorstädte durchschlug. Um ein Beispiel zu geben: Wenn ein Vater seine Arbeit verlor, dann hat er auch seine Autorität in der Familie verloren und der älteste Sohn war es, der diese Autorität Übernahm. Damit war die Struktur und die Situation der Familie völlig verändert. Die Familie begann anders zu funktionieren, in dem Sinne, dass der Sohn sein Gesetz durchsetzte. Dieses Gesetz lässt sich einfach zusammenfassen: Es ist das Gesetz des Stärkeren und das Gesetz des Schweigens. Dafür haben wir den Begriff der „Omertà“. Das dritte Problem ist das Auftauchen der islamistischen Gruppen in den 90er Jahren oder, was man bei uns auch die Entwicklung des „Islam der Keller“ genannt hat. Man muss dabei wissen, dass das nicht der Islam ist, der von der Mehrheit der französischen Muslime praktiziert wird. Dieser ist ein Islam der Offenheit und der Toleranz. Jener Islam wurde geprägt von den selbsternannten Imamen, die einen politischen Islam praktizierten. Sie predigten ein Modell der Unterdrückung der Frauen in der Familie, und die jungen islamischen Männer schlossen sich diesem Modell in ihrem Verhalten gegenüber ihren Schwestern, ihren Freundinnen und den Frauen der Familie überhaupt an. Als wir begannen uns zusammenzuschließen, um gegen diese Situation anzukämpfen, erzeugte das zunächst eine Gegenwirkung. All diese drei Faktoren wurden stärker und uralte Muster wiederbelebt, z.B. der Mythos der Jungfernschaft. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Regression, denn das ist in der Tat eine Rückentwicklung. In den 70er Jahren gab es feministische Bewegungen, die z.B. das Recht auf Verfügung über den eigenen Körper forderten. In dem Moment, wo der Körper der Mädchen gewissermaßen in Beschlag genommen wird, sie nicht mehr über ihn verfügen können, befinden sie sich in einer Situation, in der sie ihre Weiblichkeit nicht ausleben sollen. Das äußert sich etwa in der Tatsache, dass sie sich nicht kleiden können, wie sie möchten. Sie dürfen keine Blusen mit Ausschnitt tragen. Sie dürfen keine Jeans tragen. Kurz gesagt, es ist ihnen alles verboten, was in irgendeiner Weise den Körper betont. Deshalb sehen wir in den entsprechenden Wohnvierteln auch bei Mädchen, die nicht moslemisch sind -, dass sie sich mehr und mehr mit weiten Arten von Trainingsanzügen kleiden, die den Körper verhüllen. Und moslemische Frauen sind zum Kopftuch oder Schleier übergegangen. Ein großer Teil der Mädchen, der dabei nicht mitmachen will, wird als Huren beschimpft. Die Jungs hört man sagen: „Es sind alle Huren, nur meine Mutter nicht.“ Deshalb nannten wir unsere Bewegung auch „Weder Huren, noch Unterworfene“. Die Formulierung „Nicht Unterworfene“ hat dabei nichts mit dem Islam zu tun. Sie ist eine Reaktion auf bestimmte Intellektuelle unseres Landes. Denn sie erklärten, wenn die Frauen und Mädchen in den Vierteln Unterworfene seien, dann läge es daran, dass sie nicht revoltieren. Was ich für einen Skandal halte. Denn sehr viele dieser Frauen und Mädchen sind sehr aktiv im Vereinsleben, im sozialen Leben, in allen möglichen Beziehungen. Sie leisten diese tägliche anonyme Ameisenarbeit, die niemand zur Kenntnis nimmt, die aber dazu führt, dass sich unsere Kinder als Staatsbürger definieren und nicht als religiöse Gefolgsleute. Aber politisch betrachtet tragen natürlich die PolitikerInnen sowohl rechts als auch links eine immense Verantwortung, und zwar wegen der Art, wie sie in den vergangenen dreißig Jahren mit der Entwicklung in den „banlieues“ umgegangen sind. Aus wahltaktischen Gründen verhandelten sie mit den Imamen, als die in Frankreich geborene zweite Generation der Einwanderer in der Bewegung der Minguettes, und der Bewegung der Beurs ihre Forderung nach Gleichheit erhoben. Das Ergebnis war etwas, das man den „sozialen Frieden“ nannte. Doch indem sich die Politiker an die Imame wandten, um die Konflikte zu lösen, lösten sie die Religion aus der Privatsphäre heraus und übertrugen sie in die öffentliche und die politische Sphäre. Sie haben also erreicht, dass bestimmte selbstproklamierte Imame in den Vierteln Autorität gewannen und anerkannt wurden. Sie haben in den vergangenen zwanzig Jahren nie wirklich den Willen gezeigt, die Situation in den Vierteln zu ändern, sondern sie haben nur wenige, gewissermaßen nach dem Gießkannenprinzip gestreute Aktionen durchgeführt.
Barbara Leitner Ich möchte gern noch einmal auf Ihre persönliche Erfahrung zurückkommen: Sie sagten, Sie seien nicht in einem typischen Vorort groß geworden. Zugleich sprachen Sie davon, dass Sie in Ihrer Jugend die Möglichkeiten hatten, andere Erfahrungen zu machen, vermutlich auch, sich Bildung an zu eignen. Ich weiß nicht, wie alt Sie sind und welchen Weg Sie dann genommen haben. Vielleicht können Sie schildern, in welcher Familie Sie groß wurden, was Sie in Ihrer Kindheit und Jugend erlebten?
Fadéla Amara Ich bin heute vierzig Jahre alt. Ich wurde in einem „bidonville“ geboren, der dann saniert und zu einer „cité“ umgewandelt wurde, zu einem Wohngebiet. Ich bin das Vierte von zehn Kindern einer eingewanderten algerischen Familie. Ich begann sehr früh, im Alter von vierzehn Jahren, mich kämpferisch und politisch zu engagieren. Seitdem habe ich nicht aufgehört. Die Frauenfrage hat mich immer sehr interessiert, weil ich innerhalb meiner eigenen Familie den Unterschied zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen erlebte. Ich habe die Schule nicht abgeschlossen, habe kein Diplom. In den französischen Statistiken werde ich als Schulversagerin geführt. Später besuchte ich die Schule wieder und holte einen Abschluss nach, der dem entspricht, was man „Abi + 2“ nennen könnte.
Barbara Leitner Aber was passierte mit vierzehn Jahren, dass Sie sich sagten: ‚Ich muss aktiv werden!'?
Fadéla Amara Ausgangspunkt war ein Familiendrama. Als ich vierzehn war, habe ich meinen kleinen Bruder verloren. Er war fünf Jahre alt und hieß Malik. Er wurde von einem betrunkenen Autofahrer überfahren. Für mich war in dieser Situation das Verhalten der Polizeibeamten, die zur Unfallstelle kamen, unannehmbar. Sie reagierten sehr abweisend und hart gegenüber meinen Eltern, besonders gegenüber meiner Mutter. Sie sagten einen Satz und ich glaube, das hat mich so erschüttert, dass es mein Verhalten veränderte. Sie sagten: „Es sind nicht die Bougnoules ein abwertender Begriff für Eingewanderte aus Nordafrika es sind nicht die Bougnoules, die in unserem Land bestimmen werden!“ Eine rassistische &Aunl;ußerung. Das war für mich unakzeptabel und hat mich sehr empört. Seitdem kämpfe ich gegen alle Formen von Ungerechtigkeit, die mir begegnen. Ich muss gestehen, dass ich diesem Polizisten in den Schenkel gebissen habe! Das steht nicht im Buch! Ich habe es nicht aufgeschrieben! Ich möchte nicht, dass man mich der Gewalt anklagt oder meint, dass ich die republikanische Polizei nicht achte.
Barbara Leitner Ich kann diese Wut gut nachvollziehen. Seitdem sind 26 Jahre vergangen. Was musste geschehen, dass sich Ihre Wut in eine Bewegung umsetzte? Was brauchte es für Bedingungen? Welche Verbündete fanden Sie?
Fadéla Amara Obwohl ich eine Ausgeschlossene bin, hatte ich ganz unerwartet ein Riesenglück in meinem Leben. Denn als ich sehr jung war, hatte ich eine Lehrerin, die mir die Freude am Lesen vermittelte. In meiner Familie selbst war es wie auf einer Galeere. Es gab kein eigentliches Familienleben. Wir hatten kein Geld. So besorgte ich mir Bücher, wie es ging, unauffällig im Supermarkt um die Ecke. Ich habe meine ganze Kindheit damit verbracht, sehr viel zu lesen. Das war eine große geistige Öffnung. Und noch etwas war sehr wichtig für mich: Ich habe das Eingeschlossensein in dem Viertel, wie in einem Ghetto, abgelehnt. Ich bin rausgegangen und bin ganz ungewöhnlichen Leuten begegnet, großartigen Leuten, die mich jedes Mal höher gezogen haben. Diese Leute haben mir geholfen, das zu werden, was ich heute bin.
Barbara Leitner Können Sie einige der Etappen in dieser Entwicklung skizzieren?
Fadéla Amara Für mich kam der erste große Sprung durch diese Lehrerin, die mir die Lust am Lesen vermittelt hat. Als ich sechzehn war, lernte ich einen Lehrer kennen, den ich verabscheute. Aber er hat mich sehr geprägt. Das war der Lehrer, bei dem ich Sozialkunde lernte. Obgleich ich ansonsten in der Schule sehr undiszipliniert war, hat er es doch geschafft, mir die republikanischen Werte und die Funktionsweise der Republik einzuprägen. Heute bin ich dafür dankbar, denn das brauchen wir. Später traf ich Leute, die Anwälte waren, Freunde wurden, und mit denen ich sehr viele Diskussionen über gesellschaftliche Fragen hatte. Zunächst war es die Schule, die mir bestimmte Werkzeuge zur Verfügung stellte. Dann waren es verschiedene Männer und Frauen, die mir Mittel für meine Emanzipation gaben. Deshalb bin ich überzeugt, dass Kinder, selbst wenn sie in der Schule scheitern, immer noch ein großes Potential in sich haben, das man hervorholen und mobilisieren kann. Dabei denke ich natürlich besonders an die Jugendlichen in den Vororten, die vielleicht auch andere pädagogische Methoden brauchen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber das Bildungswesen bei uns ist schon, wie man sagt, ein Riesenmammut.
Barbara Leitner Was sagt Ihre Familie zu Ihrem Weg?
Fadéla Amara Von den zehn Kindern bin ich das einzige, was sich seit langem engagiert. Meine Geschwister sind also daran gewöhnt. Dennoch hatte ich einige Probleme mit meinem älteren Bruder und auch mit meinem Vater, als ich noch zu Hause lebte. Wenn man aktiv ist, dann hat man abends Sitzungen. Und ich habe es wie alle gemacht. Ich bin erst brav um 18 Uhr nach Hause gekommen, dann 18.15, 18.30 usw. Ich habe nie die frontale Konfrontation gesucht, habe aber die Grenzen immer ein Stück hinaus geschoben. Einige Ohrfeigen habe ich dabei doch eingefangen. Heute sind meine Eltern und Geschwister sehr stolz auf das, was ich mache. Ich habe das ungeheuere Glück, eine Mutter zu haben, die ich einen Blauhelm nenne. Sie war immer da, um bei Konflikten mit meinem Vater und meinem größeren Bruder einzugreifen und mir beizustehen. Und ich habe auch das Glück, einen Vater zu haben, mit dem ich auch schon, als ich sehr jung war, diskutieren konnte. Ich gehöre nicht zu denen, die an den Bruch mit der Familie glauben, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Ich bin der Meinung, auch wenn es sehr lange dauert, man muss auch die Familie mitentwickeln. Ich habe junge Mädchen erlebt, die mit ihrer Familie brachen, um sich zu emanzipieren, und die fünf oder sechs Jahre später umkippten, weil dieser Bruch zu stark war. Und sie landeten in der Drogenabhängigkeit, Prostitution oder anderswo. Dann lehnten es die Familien ab, sie wieder aufzunehmen. Bei mir ist es so, dass mein Vater heute akzeptiert, dass ich an der Spitze einer solchen Bewegung stehe. Zugleich ist er sehr besorgt, denn er weiß natürlich, welche Gefahren und welche Bedrohungen von Seiten islamistischer Gruppen ausgehen. Das bedeutet, dass ich von meiner Familie viermal am Tag angerufen werde, ob es mir noch gut geht.
Barbara Leitner 2003 gründeten Sie die Bewegung, durch die Sie bekannt wurden? Wie ist Ihre Situation heute? Wie sieht Ihr Alltag aus?
Fadéla Amara An der Spitze einer solchen Bewegung zu stehen ist sehr hart, weil es erst einmal sehr viel Arbeit bedeutet. In Frankreich wurde die Arbeitszeit auf 35 Stunden begrenzt. Die mir nahe stehen sagen, diese 35 Stunden lägen mir so sehr am Herzen, dass ich sie verdoppelt habe. Es ist eine Riesenarbeit, um so mehr als wir nicht erwartet haben, dass die Bewegung „Ni Putes Ni Soumises“ diese Riesenwirkung haben würde. Das geht über die Grenzen Frankreichs hinaus, denn wir sind auch in Europa sehr gefragt. Das hat für mich einen Vorteil. Ich bin in meinem Leben sehr wenig dazu gekommen zu reisen, und ich kann Ihnen versichern, dass ich jetzt sehr viel reise. Es ist natürlich sehr befriedigend, ich bin sehr stolz darauf, was wir mit den Freunden und Freundinnen erreicht haben. Auf der anderen Seite ist es auch ein immenser Druck.
Barbara Leitner Was meinen Sie mit diesem Druck und wie halten Sie ihn aus?
Fadéla Amara Ich habe den Eindruck, dass ich mich in einem Wettlauf befinde. Ich glaube, es ist große Eile geboten. Denn meine große Befürchtung ist, dass die Republik den Kampf gegen alle aufsteigenden Formen von Fundamentalismus, Radikalismus usw. verlieren könnte, und auch gegen den Kommunitarismus. Ich bin sehr gegen die Äußerungen dieser Richtung. Sie sind außerordentlich patriarchalisch. Man sieht schon in den entsprechenden Vierteln, wie dies funktioniert. Da bleibt für die Frau keinerlei Raum. Das ist es! Ich kann auf den Druck nicht antworten, denn ich bin immer eingespannt. Ich habe z.B. kein Wochenende, ich habe keinen Sonntag.
Barbara Leitner Und wie ist diese Bewegung entstanden? Wodurch wurde sie ausgelöst?
Fadéla Amara Vor der Bewegung „Ni Putes, Ni Soumises“, deren Präsidentin ich bin, gab es eine andere Vereinigung, deren Präsidentin ich auch war. Sie nennt sich die Bewegung der jetzt wörtlich übersetzt „Häuser der Kumpels“. Das sind Vereine, die sich in den Vierteln gebildet haben und deren sämtliche Aktionen auf die republikanische Integration zielten. Seit 1989 gibt es in Clermont-Ferrand meiner Geburtsstadt solch eine Vereinigung „Maison des Potes“. Innerhalb dieses Vereins hatten wir eine Frauenkommission gegründet, für die ich verantwortlich war.
Barbara Leitner War das eine Art Klub? Oder wie muss man sich die „Maisons des Potes“ vorstellen?
Fadéla Amara Es sind Vereine mit verschiedenen Angeboten, gerichtet an alle im Viertel, an alle Altersgruppen, gemischt und die Frauenkommission hat sich um alle Probleme gekümmert, mit denen die Mädchen zu tun haben. 2000 habe ich dort eine Bildungsreihe organisiert zur Geschichte der Frauenbewegung. In unseren Vierteln ist nicht bekannt, was die feministischen Frauenbewegungen waren. Deshalb wurden die Mädchen informiert und zwar aus ganz Frankreich. Es war eine nationale Initiative. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, jeweils dort, wo sie leben, über die Geschichte der Frauenbewegung zu sprechen und ihr Wissen anderen weiterzugeben. Das war damals unter Ausschluss von Männern. Dadurch hatten die Mädchen die Chance, auch über die Gewalt, die sie erlitten haben, zu sprechen. Ich würde darin die erste Initiative sehen, die dann später zur Bewegung „Weder Huren, noch Unterworfene“ geführt hat. Denn durch diese Form von Fortbildung konnten wir auch die Isolierung, in der sich die Mädchen befanden, durchbrechen und eine gemeinsame Dynamik entwickeln. 2001 haben wir dann die ‚lokalen Generalstände' initiiert. Mit unserem Vereinsnetz organisierten wir das ganze Jahr über in den verschiedensten Städten entsprechende Veranstaltungen. Im Januar 2002 führte das zu den ‚nationalen Generalständen' immer noch unter Ausschluss von Männern. Damals waren vier Kommissionen tätig: eine zum Thema Gewalt, eine über Sexualität, eine über Integration und Ausbildung, und eine, die mir sehr wichtig war, über das Gewicht der Traditionen und der Religionen. Aus ihrer Arbeit gingen zwei Dokumente hervor: der nationale Aufruf, der zu der Petition „Ni Putes Ni Soumises“ führte, und ein Dokument unter dem Titel „Manifest der Forderungen der Frauen aus den Vierteln“. Zur gleichen Zeit fand die Kampagne für die französische Präsidentschaftswahl statt, und diese Dokumente enthielten das Konzentrat unserer Forderungen. Es wurde an alle KandidatInnen geschickt, mit Ausnahme der extremrechten. Dabei mussten wir wiederum die Erfahrung machen, dass man uns nicht hören wollte, dass die Politiker Autisten sind. Deshalb kamen wir auf den Gedanken, einen Marsch zu organisieren. Martin Luther King inspirierte uns dabei übrigens organisierte ich meinen ersten Marsch bereits mit 17 Jahren. Zwischen der ersten Idee und der konkreten Umsetzung im Februar 2003 gab es eine Affäre um eine Kollektivvergewaltigung und den Mord an der kleinen Souane, die in der Stadt Balzac bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Beides schockierte uns sehr. Und doch halfen die zwei Dramen die Wirkung unserer Bewegung zu vervielfachen. Plötzlich hörte man uns zu, sowohl in den Medien als auch in der Öffentlichkeit. Nachdem wir den „Marsch der Frauen gegen Ghettos und für Gleichheit“ gestartet hatten, waren wir fünf Wochen lang in 23 Städten unterwegs. Das war riesig! Christine Labonté-Roset (Rektorin der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, die zu dem Pressegespräch eingeladen hat.) Aus meiner Sicht stellt sich die Frage nach der Rolle der SozialarbeiterInnen, die mit den ImmigrantenInnen arbeiten? Oder organisieren diese sich selbst?
Fadéla Amara Ich werde mich jetzt sehr hart über die sozialen Akteure in Frankreich äußern. Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich selbst Erzieherin werden wollte. Ich habe die Aufnahmeprüfung bestanden und studierte ein Trimester lang. Dann habe ich die Tür hinter mir zugeknallt. Denn die Ausbildung, die dort vermittelt wird, hat mit den realen Bedingungen an Ort und Stelle nichts zu tun. Die Erzieher, die man frisch diplomiert in unsere Vororte schickt, sind weder körperlich noch psychisch, psychologisch auf die Arbeit dort vorbereitet und es ist folgerichtig, dass viele völlig versagen. Denn die Gewalt, die ihnen in den Viertel entgegen schlägt, ist enorm. Als ich mich vor sieben Jahren selbst in dieser Ausbildung befand, nutzte ich die Gelegenheit, meinen Standpunkt darzulegen: Wie dringend es sei, die Studierenden während der Ausbildung die in Frankreich immerhin drei Jahre dauert -mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Darauf sagte man mir, ich sei zu militant und hätte damit nicht die Eignung für diesen Beruf. Endgültig brach ich mit der Ausbildung, nachdem ich an einer Sitzung der Kommission „Hilfe für Kinder“ teilgenommen hatte. Dabei sah ich Fotos von Kindern, die von ihren Eltern missbraucht oder misshandelt worden waren. Ich hoffte, es wäre eine Ausnahme in dem Departement. Auf einem der Fotos sah man z.B. ein Kind, das mit einem Bügeleisen verbrannt worden war. Die Diskussion der Fachleute, die über seine Situation zu befinden hatten, beschränkte sich darauf zu entscheiden, ob das Kind in der Familie bleiben oder herausgenommen werden sollte. Ich nahm an der Sitzung dieser Kommission als Studentin teil und hatte eigentlich nicht das Recht mich zu äußern. Aber als die Kommission beschloss, dass das Kind in der Familie bleiben solle, habe ich mich empört und gesagt, das sei unannehmbar. Daraufhin hat man mir bedeutet, dass ich zu schweigen und mich nicht so zu äußern hätte. Ich habe eine sehr kritische Haltung sowohl gegenüber diesen sozialen Erziehern als auch den Sozialarbeitern. Ich bin davon überzeugt, dass man, um heute in diesen schwierigen Vororten arbeiten zu können, Fähigkeiten braucht, die mit denen im Priesteramt vergleichbar sind. Ich habe Freunde und Freundinnen, die Erzieher sind. Was sie sich in ihrer Arbeit abverlangen, was sie leisten und welcher Methoden sie sich bedienen, das geht über den Rahmen dieses Berufsbildes hinaus. Das betrifft vor allem die Beziehung zwischen dem Heranwachsenden und dem Sozialarbeiter oder Erzieher. Auf der anderen Seite ist unsere Bewegung „Ni Putes Ni Soumises“ von den Schulen, die Sozialarbeiter und Erzieher ausbilden, sehr gefragt. Wir treten häufig dort auf, sprechen mit den Studenten und Schülern. Ich bin aber weiterhin davon überzeugt, dass sie ihre Praktika wirklich inmitten dieser schwierigen Viertel machen sollten, damit sie verstehen, dass man nicht einfach irgendjemanden dahin schicken kann. Ich muss noch ergänzen, dass man in Frankreich in einem sehr großen Maße den Geist der Toleranz praktiziert hat. Ich teile jedoch die Meinung derjenigen, die sagen, dass die Achtung der Minderheiten dort aufhört, wo die physische und geistige Integrität der Individuen bedroht ist. Aber wir haben in Frankreich eine große Denkströmung, der viele Sozialarbeiter anhängen, die sowohl mit ihrem Schweigen wie in ihren Praktiken archaische Verhaltensweisen und Traditionen gefördert haben auch um Konfrontation mit den Jugendlichen zu vermeiden, die sich nur durch Gewalt ausdrücken. Sie haben diesem Druck nachgegeben und das hat z.B. dazu geführt, dass das Prinzip der Mixität, der Mischung der Geschlechter, wie ich sie noch erlebte, in den Vierteln aufgegeben wurde. Mit anderen Worten, dass man die Trennung der Geschlechter durchgesetzt hat. Sie sind also über Zwischenstationen selbst unter das Gesetz des Stärkeren geraten. Aber es gibt auch schöne Dinge in den Vierteln. Es gibt Talente, Leute, die kämpfen, es gibt Leute, die aus der Situation herauskommen. Es gab auch dank der Integration auch wenn manche meinen, sie sei in eine Sackgasse geraten das Auftauchen von Mittelschichten. Der Kampf, der geführt werden muss, ist der um eine wirkliche Emanzipation der Individuen. Das ist das Schwierigste!
Barbara Leitner Sie haben ein Institut gegründet. Welcher Art ist die Ausbildung, die Sie anbieten?
Fadéla Amara Was wir die Universität nennen, das sind zweieinhalb Tage Ausbildung und Debatten, während derer viel nachgedacht wird, z.B. über die Laizität und die Auseinandersetzung darüber in Frankreich. Es ist eine mobile Universität, eine die reist. Wir haben sie gerade gestartet, zunächst in der Pariser Region, aber es gibt die lokalen Komitees von „Ni Putes Ni Soumises“, können auch ihre eigene Universität schaffen. Im Moment konvergiert alles auf Paris, aber der Gedanke ist, sie zu dezentralisieren.
Barbara Leitner Sie leben in Paris?
Fadéla Amara Leider ja. Mir ist meine Auvergne lieber. Ich kämpfe für eine freie Auvergne, die Auvergne soll die Hauptstadt werden. Aber, was für unsere Bewegung auch wichtig ist, dass sich auch Jungen an ihr beteiligen.
Barbara Leitner Wie sind die Beziehungen zwischen den Einheimischen und den ImmigrantInnen der zweiten Generation?
Fadéla Amara In den Vorstädten sind die Beziehungen außerordentlich komplex. Denn in diesen Vierteln funktionieren sie nur nach Kräfteverhältnissen. Das erste dieser Verhältnisse ist das Verhältnis Jungen-Mädchen, das für die Mädchen außerordentlich hart ist. Dann gibt es die Beziehung zwischen den verschiedenen Ethnien. Und ich gehöre zu jenen, die sagen, dass es in unseren Vierteln leider eine Multiform von Rassismus gibt. Es gibt den Anti-Weißen-Rassismus. Dieser Rassismus wird gestützt von jenen, die arabischer und sub-saharischer afrikanischer Herkunft sind. Es gibt den Rassismus zwischen Schwarzen und Arabern und schließlich gibt es den zunehmenden Antisemitismus. Und dann gibt es in unseren Vierteln auch die Homophobie, leider. Das sind reine Kräfteverhältnisse. Das große Problem heute ist gestern gab es eine sehr gute Sendung in Frankreich über das Thema Liebe in den Vierteln dass hier eine ganz starke Gruppendynamik besteht, davon bin ich überzeugt. In den Vierteln funktionieren sie nach einer Gruppenlogik und nach einer territorialen Logik mit einer Hierarchie, vergleichbar den mafiosen Gruppen, die auch in unseren Vierteln existieren. Wenn man aber individuell mit diesen Burschen in den Vierteln spricht, dann merkt man, dass sie ein großes Verlangen haben nach Liebe und Anerkennung und respektiert zu werden. Leider aber benutzt ein großer Teil von ihnen die Gewalt. Intellektuelle und Sozialwissenschaftler, die das analysiert haben, sagen, dass die Phänomene der Ausgrenzung, die soziale Ungerechtigkeit, die Diskriminierung, diese spezielle Situation, in der die Jugendlichen sind, zu dieser Gewalt führt. Aber zugleich rechtfertigen diese Analysen auch die Gewalt dieser Jugendlichen. Wir sind aber der Meinung, selbst wenn man sich in der Situation der Ausgrenzung und der erlebten Ungerechtigkeit befindet, selbst wenn man Opfer ist, ist es dennoch nicht annehmbar, dass man zum Täter wird, um seine Situation zu verändern. Das sind Debatten, die wir sowohl auf intellektueller als auch auf politischer Ebene führen.
Barbara Leitner Sind Sie selbst bedroht durch die Islamisten?
Fadéla Amara Ja durchaus, gegen mich sind Fatwas ausgesprochen und übrigens nicht nur gegen mich. Eine Vertreterin unserer Bewegung in Nantes wurde tätlich angegriffen. In Frankreich gab es acht Monate lang eine Debatte über den Laizismus und das Kopftuch, und die Islamisten sind davon überzeugt, dass wir das Gesetz gegen das Kopftuch zu verantworten haben. Wir sind durch ganz Frankreich gereist mit unseren Ideen über die Laizität und trafen immer auf eine geballte Konfrontation mit ihnen. Der Innenminister hat angeboten, uns Leibwächter zu geben. Aber ich habe das abgelehnt. Die Situation ist sehr kompliziert, aber es lohnt sich zu kämpfen. Ich denke, ein Kampf für die Emanzipation der Individuen, für die Gerechtigkeit, für die Freiheit ist immer einer der schönsten Kämpfe.
Barbara Leitner Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Offenheit.
Barbara Leitner führte das Interview am 9. Juni 2004
im Alice-Salomon-Archiv Berlin.
Das Interwiew ist in deutsch und französich abgedruckt in unserer Publikation:
Europa und Amerika. Unterschiedliche Vorstellungen des Sozialen? Ehrung des Projekts „Ni Putes Ni Soumises“ :
2. Colloquium des Archiv- und Dokumentationszentrums für soziale und pädagogische Frauenarbeit, hrsg. v. Adriane Feustel, Berlin, Dez. 2005, ISBN 3-930523-19-1


