Zweites Porträt der Serie „Frauenwahlrecht und bedeutende Frauen 1918“

Wir feiern

100 Jahre Frauenwahlrecht - Marie Luise Juchacz

gemeinfrei - UrheberIn unbekannt - Büro des Reichstags (Hg.): Handbuch der verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung, Weimar 1919, Carl Heymans Verlag, Berlin

Deutschland feiert 100 Jahre Frauenwahlrecht. Am 30. November 1918 trat das Reichswahlgesetz in Kraft, das Frauen in Deutschland zum ersten Mal das aktive und passive Wahlrecht garantierte. Anlässlich dieses Jubiläums veröffentlicht die ASH Berlin eine Porträt-Serie zum Thema „Frauenwahlrecht und bedeutende Frauen 1918“. Dabei werden drei besondere Frauen vorgestellt, die im Geburtsjahr des Frauenwahlrechts in Deutschland politisch eine große Rolle gespielt haben. Die einzelnen Porträts werden hier auf der Website sowie auf den Social-Media-Kanälen der ASH Berlin zu finden sein. >>Zur ASH-Website

 

Marie Luise Juchacz, geb. Gohlke

Aufgewachsen in einer armen Bauern- und Handwerkerfamilie in einer kleinen Stadt, beeinflusst von sozialistischen Freunden und beeindruckt vom Weberstreik in Crimmitschau (1903) begann Marie Juchacz (15.3.1879 in Landsberg – 28.1.1956 in Düsseldorf) schon früh sich zu politisieren. Das Verbot politischer Aktivitäten von Frauen führte sie dazu, sich in der Frauenbewegung für mehr Beteiligung von Frauen einzusetzen. Während sie in Berlin als Näherin in Heimarbeit arbeitete und zugleich ihre Kinder betreute, trat sie dem Frauen- und Mädchenbildungsverein in Berlin-Schöneberg bei und hielt von dort den Kontakt mit der SPD.

Im Januar 1919 wurde sie als SPD-Politikerin in die verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt, arbeitete im Verfassungsausschuss mit und beantragte den Passus „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte“, der gegen ihren Willen mit dem Zusatz ‚grundsätzlich‘ eingeschränkt wurde. Sie sprach als erste Frau vor dem Parlament und legte ihre Sicht auf die Aufgaben der Wohlfahrtspflege und die Bedeutung der Frau auf diesem Gebiet dar. Im gleichen Jahr gründete sie die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die sie nicht als Wohlfahrt für Arbeiter, sondern als „Wohlfahrtspflege, ausgeübt durch die Arbeiterschaft“, verstand.

Darüber hinaus opponierte sie gegen den Nationalsozialismus, etwa mit den Worten: „Die Frauen [...] durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit aller Kraft entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke.“ Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh sie aus Deutschland über Frankreich in die USA. Anschließend kehrte sie nach Deutschland zurück und verbrachte dort ihre letzten Lebensjahre als Ehrenpräsidentin mit dem Wiederaufbau der AWO in Deutschland.

 

Quellen:

Hansen, Eckhard/Tennstedt, Florian (Hg.) (2018): Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871-1945. Band 2. Kassel: Kassel UP.

Hasenclever, Christa (Hg.) (1979): Marie Juchacz: Gründerin der Arbeiterwohlfahrt. Leben und Werk. Bonn: Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V.

Juchacz, Marie (1924): Die Arbeiterwohlfahrt. Voraussetzungen und Entwicklung. Berlin: Dietz.

Quataert, Jean H. 1979. Reluctant Feminists in German Social Democracy 1885-1917. Princeton: Princeton UP.

 

(Dayana Lau)