Begründung der Jury des Alice Salomon Awards vorgetragen von Adriane Feustel

v. l. n. r.: Julia Winckler, Adriane Feustel, Julia Franz, Dagmar Bergs-Winkels, die Preisträgerin Adrienne Chambon, Christian Widdascheck, Sabine Toppe, Susanne Maurer, Stefan Köngeter, Bettina Völter (Bildrechte: Michael Schaaf / ASH Berlin)

Liebes Auditorium, liebe verehrte Adrienne Chambon,

ich habe die Freude und die Ehre, die Begründung der Jury für die Verleihung des Alice Salomon Awards an Sie, liebe Adrienne Chambon, vorzutragen. Sie lautet:

„Mit Adrienne Chambon ehren wir eine Person, die sich einerseits als Intellektuelle um die Theoriebildung in der Sozialen Arbeit sehr verdient gemacht hat, deren wissenschaftliche und praktische Arbeit aber immer auch das Politische und Emanzipatorische zum Ziel hatte. Nicht zuletzt hat sie gezeigt, dass die Archivarbeit in der Sozialen Arbeit gestärkt werden sollte, um die Disziplin mit einem kritischen Blick in die Vergangenheit weiterentwickeln zu können.

Mit ihrem gemeinsam mit Allan Irving und Laura Epstein 1999 herausgegebenen Buch „Reading Foucault for Social Work“, das internationale Verbreitung fand, hat Adrienne Chambon die theoretische Perspektive Sozialer Arbeit erweitert und inspirierte mehrere Generationen von Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen der Sozialen Arbeit.

Die Erfahrungen von Adressat_innen Sozialer Arbeit sichtbar, hörbar, greifbar und erfahrbar zu machen, ist ein vorrangiges Ziel der wissenschaftlichen Forschungen von Adrienne Chambon, vor allem die in der Gesellschaft marginalisierten Erfahrungen von Frauen, geflüchteten Menschen und indigenen Menschen. Es zeichnet Adrienne Chambon aus, dass sie ihre wissenschaftliche Arbeit stets mit praktischem Engagement verbunden hat, wie z.B. durch ihre Mitarbeit im kanadischen Zentrum für Folteropfer und die Förderung und Unterstützung von Geflüchteten und Exilierten beim Aufbau einer eigenen Perspektive und Karriere.

Zu den Verdiensten von Adrienne Chambon gehört ihr Engagement für die Archivarbeit. Sie hat Quellen- und Archivforschung auch methodisch vorangetrieben und zahlreiche Projekte angeregt u.a. als Mitglied des ersten wissenschaftlichen Beirats des Alice Salomon Archivs und aktuell als Mitglied eines kreativen Think Tanks, der die Geschichte(n) der Sozialen Arbeit in einer transnationalen Perspektive auf einer Online-Plattform sichtbar machen will – ganz in der Tradition der internationalen und auch transatlantischen Netzwerke von Alice Salomon.

Adrienne Chambon hat der Sozialen Arbeit in Theorie und Praxis entscheidend wichtige und inspirierende Impulse gegeben, mit denen sie einen unverzichtbaren Beitrag zur Weiterentwicklung des von Alice Salomon begründeten Konzepts der Sozialen Arbeit geleistet hat.“

Liebe Adrienne, im Namen der Jury möchte ich Ihnen sehr herzlich gratulieren. Dass Sie den Preis angenommen haben, ist eine große Freude und eine Ehre für uns und die Hochschule. Vielen Dank dafür, wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft und hoffen darauf, Sie bald wieder an der Hochschule begrüßen zu können.

Zum Schluss möchte ich gerne ein persönliches Wort anfügen. Ich habe Adrienne Chambon vor 12 Jahren kennengelernt im Rahmen des Workshops „Working with Archives“. Der Workshop war zu Gast im Alice Salomon Archiv (für das ich zu der Zeit zuständig war). Selten, oder richtiger, niemals zuvor oder auch danach habe ich eine derart konzentrierte, entspannte, freie und produktive Arbeitssitzung erlebt, Im Zentrum stand ein Foto, das an die Wand projiziert war, ein eher unscheinbares kleines schwarzweiß Foto, auf dem auf den ersten Blick gar nicht viel zu sehen war, ein Haus, eine Straßenecke, ein kleines Mädchen. Im Verlauf der Sitzung begann dieses Foto buchstäblich zu leben, offenbarte immer mehr Einzelheiten, Besonderheiten, Informationen, Zusammenhänge, durch die genaue Betrachtung der Forscherinnen und Forscher (dabei waren u.a. Susanne Maurer, Stefan Köngeter und, per Video zugeschaltet, Julia Winckler), durch die vollständige Freiheit, jegliche Assoziation, jegliche Wahrnehmung, jeden Einfall äußern zu können ohne irgendeine Art von Belehrung, zurechtweisender Entgegnung o.ä. hervorzurufen. Was wie improvisiert wirkte, als wäre das Zusammentreffen vollständig frei von jeglicher Steuerung (Anleitung, Führung), war, natürlich, möchte ich sagen, nicht nur gut vorbereitet, sondern auch gut geleitet. Es war Adrienne, die die einzelnen Beiträge, lose Bemerkungen, Assoziationen, Eindrücke in einen Zusammenhang stellte, sie zu einem Bild wieder zusammenfügte, zu einem beredten Bild, das nun in seiner ganzen Bedeutung, seiner historischen, sozialen und ästhetischen, erkennbar war, als eine besondere einzigartige historische Quelle. Adrienne tat dies, indem sie sich auf die einzelnen Beiträge einließ, nicht indem sie ihnen ihre eigene Interpretation überstülpte. Adrienne vermochte es, den Raum zu öffnen und zu weiten, einen kreativen Raum zu schaffen, in dem die Arbeit zu einer gemeinsamen Entdeckungsreise und einem gemeinsamen Erkenntnisprozess wurde. Das war nicht nur spannend und inspirierend, eine große Bereicherung, sondern bereitete auch wirkliches Vergnügen, das noch nach 12 Jahren lebendig ist.