Adriane Feustel über Leben und Werk von Alice Shalvi

Video-Interview mit 94-jähriger Begründerin der israelischen Frauenbewegung

“It is with very mixed feelings that I stand before you today”. Mit diesem Satz begann Alice Shalvi ihre Rede zur Verleihung des Alice Salomon Award am 10. Mai 2001.[1] Es zeichnet Alice Shalvi aus, dass sie Konflikte und die damit verbundenen Gefühle offen anspricht, ihre Kritik nicht zurückhält, es aber dabei nicht bewenden lässt, sondern sie als Ausgangspunkt für (praktisches) Engagement und Veränderungen nimmt. Das machte sie zu der Frau, als die sie heute internationales Ansehen genießt, die Feministin und Friedensaktivistin, die die Frauenbewegung in Israel prägte und maßgeblich half, die rechtliche und soziale Stellung der Frauen zu stärken.

Es ist dieser Ansatz, der gleichermaßen für Alice Salomon charakteristisch ist, der Alice Shalvi zur idealen ersten Preisträgerin des Alice Salomon Award bei der Eröffnung des gleichnamigen Archivs in Berlin machte. Zugleich war es diese Konstellation, die bei ihr ‚gemischte Gefühle‘ hervorrief; die Befürchtung nämlich, die Verleihung des Preises an sie als jüdische israelische Frau könne als Wiedergutmachung des Alice Salomon angetanen Unrechts angesehen werden.

“There is a certain satisfying degree of restitution, of Wiedergutmachen, in this, which I think might have given Alice Salomon some satisfaction. But of course, nothing can ever really compensate for the injustices that were committed during that terrible period in German history and I would not want anybody to think that by choosing a Jewish Israeli woman as the first honoree the wrong that was committed in 1933 – when Alice Salomon was ousted from her position and her name was removed from the institution she had founded – has been righted. There is no true reparation by proxy and it is sad to think that Alice Salomon died in poverty in a country where she had been unable to find suitable employment.”[2]

Alice Shalvi nahm den Preis dennoch an, die historisch-politische und ethische Verantwortung unterstreichend, die mit der Erinnerung an Alice Salomon verbunden ist. Die Übereinstimmungen zwischen Alice Salomon und ihr selbst erklärte sie, trotz gravierender Unterschiede in ihrer jeweiligen Stellung zum Judentum, aus den gemeinsamen Wurzeln, aus den sozialen und humanitären Werten des Judentums, dem „Ideal of a Welfare State“.

19 Jahre später hat das Alice Salomon Archiv Alice Shalvi, an ihre damaligen Anstöße anknüpfend, erneut eingeladen aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Archivs und dessen gelungener Institutionalisierung sowie des Abschlusses des DDF (Deutsches Digitales Frauenarchiv)-Projekts zur Sicherung der Quellen und Erforschung der Biographien und Spuren der „Jüdischen Schülerinnen und Dozentinnen an der Sozialen Frauenschule in Berlin (gegr. 1908) und der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit (1925-1933)“, die zum Teil bis nach Palästina/Israel reichen. Wegen der Pandemie konnte die Veranstaltung nicht vor Ort begangen werden. An deren Stelle trat das Interview mit Alice Shalvi geführt von der Wiener Historikerin Eleonore Lappin-Eppel, Vorstandsmitglied von Bet Debora, einem europäischen Netzwerk jüdisch-feministischer Frauen, in dem auch Alice Shalvi seit 2001 aktiv ist. Das Interview zur Würdigung von Alice Shalvi und ihrem Lebenswerk wurde am 10. Oktober 2020 online geführt und aufgezeichnet. Ein Lebenswerk, das Alice Shalvi in ihrer 2018 erschienenen Autobiographie „Never a Native“[3] entfaltet hat und das sie in dem Interview mit der ganzen Kraft und Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit an wichtigen Knotenpunkten und in seiner Aktualität darstellt und erklärt und damit einen tiefen Einblick in die israelische Gesellschaft gibt.

“Remembering the past, living the present, preparing the future.” (Alice Shalvi 2006)[4]

Einige Stationen seien hier skizziert. Alice Shalvi wurde im Oktober 1926 in einer jüdisch-orthodoxen, aus Galizien kommenden Familie in Deutschland geboren, wo der Vater in Essen als prominenter Zionist in der jüdischen Gemeinde aktiv war. Nach einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo floh er im Juni 1933 nach England. Seine Frau mit den beiden Kindern konnte ihm erst 1934 folgen, nachdem sie über Monate als polnische Staatsbürgerin um eine Ausreisegenehmigung bangen musste. Alice Shalvi berichtet darüber aus dem Blickwinkel und Erleben als 7-jährigem Mädchen.

In England besuchte sie Schule und Universität, studierte Englische Literatur aus Liebe zu der Sprache, die sie heute als ihre „Muttersprache“ bezeichnet, und aus Liebe zur Literatur, besonders zu den Dramen Shakespeares. „But nevertheless she never really felt British.”[5] Als Flüchtling und Jüdin erfuhr sie auch hier Ausgrenzung und Diskriminierung. Dem Studium der Anglistik schloss sie 1946 das der Sozialarbeit an der London School of Economics an, um sich auf die Auswanderung nach Israel vorzubereiten.

Den Gründen dieses Entschlusses, ausgelöst durch die Begegnung mit einer Gruppe junger DPs, Displaced Persons, Überlebender der Shoah geht Alice Shalvi im Interview mit großer Eindringlichkeit nach. Wie stets zeigt sie ihre persönlichen Entscheidungen im historisch politischen Zusammenhang auf und vermittelt einen konkreten Einblick in die biographische Dimension historisch politischer, sozialer und kultureller Ereignisse und Entwicklungen, ohne die persönlichen Entscheidungen auf gewissermaßen zwangsläufige Resultate objektiver Prozesse zu reduzieren.

1949 zog sie nach Israel, es war für sie ‚Homecoming‘ und bedeutete, am ‚nation building‘ mitzuwirken. Es wurden jedoch vorrangig Englisch Lehrer_innen gebraucht. Alice Shalvi war von 1950-1990 als Lehrerin und Professorin für englische Literatur an der Hebräischen Universität von Jerusalem tätig. 1969 schuf sie zudem das English Department an der neu gegründeten Universität des Negev in Beerscheba (heute Ben-Gurion-Universität) und war 1973-1976 dessen Direktorin. Im Interview erläutert sie an Shakespeares Dramen den Aktualitätsbezug von Literatur als wesentlichem Aspekt ihrer kontextbezogenen Interpretation und Vermittlung und gibt einen anschaulichen Einblick in ihren gesellschaftskritischen Literaturunterricht. Beispielhaft zeigt sie die Grenzen auf, die ihr als Frau in der traditionellen jüdischen Gesellschaft gesetzt waren. Grenzen, gegen die sie in unterschiedlichen Bereichen anging.

Sie engagierte sich für die Befreiung und Emanzipation der Frauen. 1975-1990 übernahm sie ehrenamtlich die Leitung der Pelech School (Pelech Experimental Religious High School for Girls) in Jerusalem. Unter ihrer Leitung wurde diese zu einer einzigartigen progressiven Institution für religiös orientierte Mädchen, die bis dahin vom Studium des Talmud ausgeschlossen waren; heute ist die Schule eine der 10 besten in Israel. 1997-2001 war Shalvi die erste weibliche Direktorin des bekannten Schechter-Instituts für Jüdische Studien. Sie kämpfte für die Gleichberechtigung von Frauen sowohl in der Synagoge wie in der Gesellschaft und setzte sich erfolgreich für Frauenrechte ein. 1984 begründete sie das Israel Women‘s Network (IWN) und war bis 2000 dessen Präsidentin: „a non-partisan advocacy group that, uniquely on the Israeli scene, brought together feminists with varied political and religious outlooks.“ [6]

All diese Funktionen und Aktivitäten verband sie mit der Zusammenarbeit mit palästinensischen Frauen im Kampf für Frieden. 1989 formulierte sie gemeinsam mit diesen ein Paper zur Zwei-Staaten-Lösung – lange bevor diese im Oslo-Abkommen anvisiert wurde. Alice Shalvi war auf nationaler und internationaler Ebene ebenso wie an der Basis aktiv und praktizierte, was sie dachte und lehrte. Sie ist Mutter von 6 Kindern und die Begründerin der israelischen Frauenbewegung. In Israel, den USA und Europa erhielt sie viele Preise und Auszeichnungen, u.a. 1994 den New Israel Fund's Israel Women's Leadership Award, der seitdem ihren Namen trägt, und 2007 den Israel Prize für ihr Lebenswerk. “Without Shalvi and her colleagues, Israel today would be a different, less enlightened country.” “Within 15 years, under her leadership, the organization [IWN] helped revolutionize conditions for women in politics, healthcare, the army, the media and employment”, schrieb The Times of Israel am 1.1.2019.[7]

Alice Shalvi ist nicht nur eine politisch, religiös und sozial aktive Frau. Sie ist zudem eine leidenschaftliche Bewunderin und Förderin der Künste und es gelingt ihr, all die verschiedenen Aspekte zusammenzubringen, eine außergewöhnliche Fähigkeit, die auch für Alice Salomon charakteristisch ist. Aufgrund der Initiative und Unterstützung von Alice Shalvi wurde eine der wenigen Opern geschaffen, die sich mit der Shoah und auch den alltäglichen Ängsten und Sorgen befasst, sie vermittelt und greifbar macht. Sie kommt im Interview nicht zur Sprache und soll deshalb hier kurz erwähnt werden. Die Oper „Refidim Junction“ – „eine szenisch dokumentarische Aktion“ der Komponistin Magret Wolf (2012 in Würzburg uraufgeführt, sowie 2015 in Berlin und 2017 in Jerusalem aufgeführt) – basiert u.a. auf Briefen der Mutter von Alice Shalvi, die diese 1933 bis 1934 an ihren Ehemann in England schrieb, als sie um die Ausreisegenehmigungen für sich und ihre Kinder bangte.

Alice Shalvi ist in einem jüdisch–orthodoxen und zionistischen Elternhaus aufgewachsen. Der Religion ist sie ihr Leben lang treu geblieben; dabei hat sie sich für die Gleichberechtigung der Frauen – im Bewusstsein und in der Praxis der Gemeinde – eingesetzt. Heute gehört sie einer einzigartigen traditionellen Gemeinde an, die – egalitär und inklusiv – für alle offen ist. Die Gemeinde „Zion“, 2012 von ihrer Schülerin, der Rabbinerin Tamar Elad Applebaum gegründet, erscheint wie das Modell für Alice Shalvis Vision eines offenen und friedlichen Israel, in dem die Kluft zwischen säkular und religiös, Juden und Arabern, Männern und Frauen überwunden ist. Sie ist weiter, wie sie im Interview erklärt, auf der Suche nach einer (Gebets-)Sprache, die die Gottheit nicht an ein Geschlecht bindet.

Alice Shalvi ist eine herausragende Vorkämpferin der Frauenbewegung und eines modernen religiösen Feminismus. Sie hat Generationen von Frauen inspiriert, ihnen Hoffnung und Orientierung gegeben, auch davon zeugt das Interview.

Hier geht es zum Video des Interviews mit Alice Shalvi.

Über die Autorin

Adriane Feustel (Dr. phil., Jg. 1943) ist Historikerin, Gründerin und bis 2013 Leiterin des Alice Salomon Archivs der Alice Salomon Hochschule Berlin. Zahlreiche Forschungen und Veröffentlichungen zum Werk Alice Salomons liegen von ihr vor.

Literatur

  • Alice Shalvi, Never a Native. London: Halban Publ. 2018.
  • Eleonore Lappin-Eppel, „Alice Shalvi“ (2020); https://www.bet-debora.net/alice-shalvi/ Stand: 3.11.2020.
  • Charlotte Wishlah. “Alice Hildegard Shalvi.” Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia. 27 February 2009. Jewish Women's Archive; https://jwa.org/encyclopedia/article/shalvi-alice; Stand: 3.11.2020.
  • Adriane Feustel (hrsg. v.), „Verleihung des Alice Salomon Award an Alice Shalvi“. Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000,  Berlin: ASFH, 2003, S. 57-63.Rites of Passage: The spiritual Journey of Alice Shalvi (1997), directed by Paula Weiman-Kelman, aka Israel 1999, 59 min., DVD.

Fußnoten

[1] Alice Shalvi. „The Ideal of a Welfare State“. Sozialpädagogik und Geschlechterverhältnis 1900 und 2000, hrsg. v. A. Feustel, Berlin: ASFH 2003, S. 59.

[2] Ebenda.

[3] Alice Shalvi. Never a Native. London: Halban Pub. 2018. Die Autobiographie wurde mit dem National Jewish Book Award for Women’s Studies ausgezeichnet.

[4] Alice Shalvi, Opening Speak at the Conference of the European Jewish Women, Activists, Academics, and Rabbis: Diversities – Bet Debora in Budapest; 23-27 August, 2006¸ https://www.bet-debora.net/de/publikationen; Stand: 10.11.2010.

[5] https://www.timesofisrael.com/renowned-educator-alice-shalvi-captivates-at-times-of-israel-presents-event/ (16.1.2019); Stand: 3.11.2020.

[6] https://jwa.org/encyclopedia/article/shalvi-alice; Stand: 3.11.2020.

[7] https://www.timesofisrael.com/through-the-glass-ceiling-meet-alice-shalvi-mother-of-israeli-feminism/; Stand: 3.11.2020.