2020: Jüdische Schülerinnen und Dozentinnen an der Sozialen Frauenschule in Berlin und der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit

Im Mittelpunkt des Projektes steht die Auseinandersetzung mit dem Engagement jüdischer Frauen beim Aufbau der Sozialen Arbeit sowie mit ihrer Verdrängung im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Dazu werden Teilbestände der im Alice Salomon Archiv erhaltenen Akten digitalisiert und mit Blick auf jüdische Angehörige der Sozialen Frauenschule Berlin-Schöneberg bzw. der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit im Zeitraum von 1908 bis 1936 untersucht und für das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) aufbereitet.

Die meisten der jüdischen Frauen gelangten Anfang des 20. Jahrhunderts über soziale Hilfstätigkeiten zur organisierten Frauenbewegung. Da die jüdischen Religionsgrundsätze den Frauen auf dem Gebiet der Armenfürsorge und Wohltätigkeit Bewegungsfreiheit einräumten, wandten sich jüdische Mädchen, häufig sozialen Aufgaben und Ausbildungsmöglichkeiten zu. Jüdische Frauen spielten damit auch eine wichtige Rolle innerhalb der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung, wie auch bei der Gründung und dem Auf- und Ausbau des sozialen Frauenberufs.

Die von Alice Salomon gegründete Soziale Frauenschule war wie die Deutsche Akademie ein Zentrum der Frauenbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Als interkonfessionelle Schule wurde die Soziale Frauenschule Alice Salomons von vielen Frauen aus dem jüdischen Bürgertum besucht. Sowohl an der Sozialen Frauenschule wie an der Deutschen Akademie waren zudem zahlreiche jüdische Dozentinnen tätig.

Im Jahr 1933 wurde die Deutsche Akademie aufgelöst, um der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten zuvorzukommen. Im selben Jahr wurden jüdische Angehörige der Sozialen Frauenschule entlassen, vertrieben und verfolgt. Von den insgesamt 31 Lehrenden jüdischer Herkunft sind 16 emigriert, fünf wurden in Konzentrationslager deportiert.

Unter den Emigrantinnen sind bekannte Persönlichkeiten wie die Soziologin und Direktorin der Deutschen Akademie Hilde Lion, die Sozialpolitikerin und Leiterin des Archivs für Wohlfahrtspflege Siddy Wronsky oder die Juristin Margarete Berent. Aus dem Kreis der Schülerinnen sind in diesem Zusammenhang u.a. die Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt und Leiterin der Wohlfahrtsschule Hedwig Wachenheim, die Wohlfahrtspflegerin, persönliche Assistentin und Biografin von Alice Salomon, Dora Peyser und die Sozialarbeiterin und Wohlfahrtsdezernentin Käte Rosenheim zu nennen.

Die weitere Recherche dieser und anderer jüdischer Akteurinnen beider Einrichtungen soll die Bedeutung von Frauennetzwerken und deren Zusammenhang zur Frauenbewegungsgeschichte und der Geschichte der Sozialen Arbeit herausstellen. Entlang der im ASA vorhandenen Akten werden neue Biographien und Netzwerke sichtbargemacht und in Essays dargestellt.

Projektdaten:

 

 

 

2017-19: The Transnational History of Social Work between Germany and Israel in the 1930s and 1940s

Die Entstehung von Sozialer Arbeit als globalem Beruf in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war von einer transnationalen Verbreitung von Ideen begleitet. Ein interessanter Fall ist das, was zwischen Deutschland und der jüdischen Gemeinschaft im Mandatsgebiet Palästina in den 1930er und 1940er Jahren geschah. Die Einwanderung einer Anzahl jüdischer Sozialarbeiter_innen von Deutschland nach Palästina, damals noch unter britischem Mandat, hatte einen bemerkenswerten Einfluss auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit in diesem Land. Die an den Schulen für Sozialarbeit in der Weimarer Republik ausgebildeten Frauen, die zum Teil Führungsaufgaben im Bereich der sozialen Fürsorge und des sozialen Bildungswesens innehatten (z. B. Siddy Wronsky) brachten prägende Ideen mit nach Palästina.Die wenigen Forschungsprojekte, die sich mit dem Einfluss deutsch-jüdischer Sozialarbeiter_innen auf die Soziale Arbeit in Palästina befassen, konzentrieren sich auf die Biographien jüdischer Migrant_innen, die nach 1933 gezwungen wurden, Deutschland zu verlassen. Diese Ansätze haben viel zu unserem Wissen beigetragen, aber sie reflektieren den Prozess der Übersetzung von Wissen und Ideen in einen neuen sozialen Kontext nicht ausreichend. Im damaligen Palästina finden wir ein sehr unterschiedliches Verständnis von sozialer Wohlfahrt zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Insofern ist die Entwicklung der Sozialarbeit auch als Teil eines sehr umstrittenen Prozesses im Aufbau der Nation in der vorstaatlichen Ära zu analysieren. Außerdem kann diese Fallstudie zum entstehenden Diskurs über den transnationalen Ideenaustausch in der Sozialen Arbeit beitragen.Die Untersuchung gliedert sich in vier Bereiche: 1) die Entstehung und die Koalitionen einer Gruppe von Fachleuten und Expert_innen; 2) der Diskurs innerhalb des Berufs, wie er sich in den Organen und in zentralen Publikationen widerspiegelt; 3) die Strukturierung der sozialen Dienstleistungseinrichtungen in diesem Zeitraum, und wie sie übersetzt und dabei transformiert wurden; und 4) professionelle Praktiken im entstehenden Feld der sozialen Arbeit. Die Studie stützt sich dabei auf Primärquellen aus offiziellen Archiven in Berlin – hauptsächlich dem Alice Salomon Archiv –,  Jerusalem und New York, privaten Archiven, Publikationen und Sekundärquellen.

Schlagworte

Wohlfahrt, Soziale Arbeit, Transnationale Geschichte, Deutschland, Israel

Projektdaten

Projektlaufzeit: 01.01.2017 bis 31.12.2019 Projektleitung: Prof. Dr. Sabine Toppe (ASH Berlin), Prof. Dr. John Gal (Hebrew University of Jerusalem), Prof. Dr. Stefan Köngeter (FH St. Gallen) Projektmitarbeiter*innen: Anne-Kathrin Schmitz, Ayana Halpern, Berthold Stadler-Ebenau, Carina Huestegge, Dayana Lau, Nofar Mazursky, Dr. Yehudit Avnir Kooperationspartner*innen: Hebrew University of Jerusalem, Universität Trier Mittelgeber*in: German-Israeli Foundation of Scientific Research and Development (G.I.F.)

Kontakt

Prof.'in Dr. Sabine Toppe, Professorin Geschichte der Sozialen Arbeit

T +49 30 99245-517

toppe (ät)  ash-berlin (punkt) eu

Projektwebseite

Jigsaw.Navi: Jewish-German Social Workers in Germany and Mandatory Palestine/Israel

Publikationen

  • Gal, J. & Köngeter, S. (2016). Exploring the Transnational Translation of Ideas: German Social Work Education in Palestine in the 1930s and 1940s. In: Transnational Social Review 6, 3, 262-279.
  • Halpern, A. & Köngeter, S. (2017): Jewish Social Work between Germany and Mandatory Palestine: The Story of Dr. Mirjam Hoffert. In: Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 11, 21, S. 1–14, online [07.12.2017].
  • Halpern, A. (2017). 'Jüdisch-deutsche Sozialarbeiterinnen in Palästina: Erinnerungen an vergessene Frauen und ihr Erbe' [Jewish German Social Workers in Mandatory Palestine: Remembering Forgotten Women and Their Legacy], Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, 8, 357-364.
  • Halpern, A. (2017). 'The Unfamiliar History of Social Work in Israel: Siddy Wronsky and the Social Therapy Concept', Medaos Journal (Hebrew).
  • Halpern, A. (2018). 'Between Universal and National Social Therapy: Professional Interventions of Jewish Social Workers in Mandatory Palestine'. In: European Journal of Social Work.
  • Halpern, A. (2018). ‘Social Work Pioneers in Mandatory Palestine: Forgotten Women and Professional Traditions', In Gal J & Holler R (Eds.), Not Charity but Justice: Historical Chapters of Social Work in Israel. Ben Gurion University Press (Hebrew).
  • Halpern, A. & Lau, D. (in revision). Traces of social work between Germany and mandatory Palestine: pre- and post-immigration biographies of Jewish practitioners as a case study for professional reconstruction?
  • Schmitz, A.-K., Köngeter, S., & Lau, D. (erscheint 2019): Variationen des Othering – Übersetzungen des ‚Orientalischen‘ im Aufbau Sozialer Arbeit in Palästina. In: Engel, Nicolas & Köngeter, Stefan (Hrsg.): Übersetzen - Pädagogische Grenzziehungen und -überschreitungen. Weinheim: Springer VS.

 

 

 

2018-19: Historische Soziale Arbeit und die bürgerliche Frauenbewegung

Zur Rolle der historischen Sozialen Arbeit in der bürgerlichen Frauenbewegung: Ein geschenktes Fotoalbum und die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit

Im Rahmen des Projekts wird ein einzigartiges Fotoalbum von Alice Salomon mit zentralen Persönlichkeiten der Sozialen Arbeit sowie persönlichen Widmungen und Darstellungen von konkreten Ausbildungssituationen vor dem Verfall gerettet. Allen interessierten Nutzer_innen wird das Album so digital im Internet zugänglich gemacht. Weiter werden die Akten der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit vollständig digitalisiert und möglichst umfänglich im META-Katalog und dem (sich im Aufbau befindenden) Portal des Deutschen Digitalen Frauenarchivs (DDF) für Forschungszwecke zugänglich gemacht. Durch die Digitalisierung wird ein einfacher persönlicher Zugang zur Geschichte und Bedeutung der Sozialen Arbeit als Frauenberuf innerhalb der ersten Frauenbewegung geschaffen, der zur Auseinandersetzung mit diesem Thema anregt und wichtige visuelle Bausteine für Vertiefungen liefert.Ziel des Projekts ist es, die Bedeutung der Entwicklung der Sozialen Arbeit als (Frauen-)Beruf im Rahmen der Frauenbewegungen sichtbar zu machen. Dies wird durch entsprechende themen-, akteurinnen- und personenspezifische Essays für das DDF-Portal realisiert. Darüber hinaus soll die Netzwerkdarstellung des DDF-Portals genutzt werden, um ein möglichst vollständiges Akteurinnennetzwerk im Wirkungskreis von Alice Salomon zu erstellen.

Schlagworte: Bürgerliche Frauenbewegung, Soziale Arbeit als Frauenberuf, Geschichte der Sozialen Arbeit, Alice Salomon, Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit

  • Projektlaufzeit: 01.03.2018 bis 28.02.2019
  • Projektleitung: Prof.'in Dr. Sabine Toppe
  • Projektmitarbeiter_innen: Sarah Day, Carina Huestegge (assoziiertes Mitglied)
  • Kooperationspartner_innen: i.d.a. - Dachverband deutschsprachiger Frauen- / Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen e. V. Deutsches Digitales Frauenarchiv (DDF)
  • Mittelgeber_in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)
  • Projektwebseite: www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de