Ein Reise(rückkehr)bericht

Alice Salomon über Soziale Arbeit und die Pandemie

Urheber: Joachim Wieler

Eigentlich wollte ich meine Tochter in Kalifornien besuchen und mit meinem Schwiegervater dessen einhundertsten Geburtstag an der kanadischen Westküste feiern. Meine Frau würde dorthin fliegen, während ich als Ruheständler schon vorgefahren war. Doch meine Frau musste die Reise „abblasen“ und ich musste umkehren. Mit einem Containerschiff war ich von Hamburg aus in drei sehr bewegten Wochen bis nach Halifax an die kanadische Küste gekommen. Die Stürme haben, wie ich hörte, heftig bis nach Thüringen ins Grüne Herz Deutschlands geweht! Die Mannschaft von fünfundzwanzig Seeleuten war schon monatelang an Bord. Zusammen mit drei anderen Passagieren und angesichts der sich abzeichnenden Pandemie fühlte ich mich so sicher und auch sehr wohl wie auf einer schwimmenden Quarantäne-Insel. Nach der Landung und noch an Bord die üblich freundliche Begrüßung durch die Offiziellen der kanadischen Immigrationsbehörde und des Zolls. Dann, bereits an Land und zunächst gut aufgehoben in einem gastlichen MOTEL, kamen die ersten Einschränkungen. Kanada und auch die USA schlossen die Grenzen, so wie die europäischen Länder auch. Was also tun?

Die Flugmöglichkeit meiner Frau nach Kanada stand zunehmend in Frage und es hätte für uns auch keinen Zugang zu einem 100. Geburtstag – und schon gar nicht in einem Heim für ältere Menschen! – gegeben. Das freundliche MOTEL nahe des Containerterminals, wo ich an Land gegangen war, musste den Gasthausbetrieb einstellen und die Reederei ‚meines’ Schiffes gab die Anweisung, keine Passagiere mehr an Bord zu nehmen, obgleich ich schon – allerdings für später – gebucht hatte. Glücklicherweise erwischte ich Flugzeuge zurück nach Frankfurt, auch wenn die Ansteckungsrisiken in Flughäfen und in vollen Flugzeugen viel größer sind als auf einem Arbeitsschiff. Jetzt wurde ich hier in Weimar von meiner Frau und Frühlingsblumen begrüßt und hoffe, keine Corona– oder COVID 19–Mitbringsel nach Hause gebracht zu haben. Ich bin sehr froh, wieder daheim zu sein, aber diese verhältnismäßig kleine Odyssee hat mich doch sehr nach- und vordenklich gemacht. Sie hat mich erneut mit sehr Aktuellem und Grundsätzlichem konfrontiert, was meine persönliche Geschichte eher zur Nebensache macht.

Zwar bin ich vor vielen Jahren auch zur See gefahren, wurde dann aber Sozialarbeiter und besann mich während dieser Reise auf eine der wohl einflussreichsten GründerInnen und AktivistInnen beruflicher Sozialarbeit. Nach meiner Rückkehr fand ich nach längerem Stöbern wieder ihr Credo für die Soziale Arbeit und ihrer Geschichte, die mich unentwegt an die jetzige Pandemie erinnert. Salomon verfasste es im Jahre 1923, d.h.  kurz nach der sogenannten „Spanischen Grippe“, einer Epidemie, die nach dem Ersten Weltkrieg mehr als alle Opfer des gesamten Krieges gefordert hatte. In dem Buch „Alice Salomon. Die Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland. Ihr Leben und ihr Werk, das im Carl Heymanns Verlag Köln Berlin 1958 erschienen ist und von Hans Muthesius herausgegeben wurde, läßt sich heute über „Corona“ oder „COVID 19“ hoffnungsvoll nach- und vielleicht schon ein bisschen vordenken: In diesem Buch sprach Salomon über „Das Verhältnis der Kirche zu den Sozialarbeitern“ in einem ihrer gedruckten Vorträge 1923 auf Seite 200 ff.: 

„Als Sozialarbeiter sind wir einig in dem Glauben, daß die Welt nicht erlöst werden kann, daß sie nicht befreit werden kann von all ihrer gegenwärtigen Not, bis das Ideal der Solidarität von allen angenommen ist, bis die Starken darauf verzichten, bis zur Spitze einer Leiter zu steigen, deren Sprossen aus denen gemacht sind, die sie während ihres Aufsteigens niedergetreten haben; bis die Starken willens sein werden, die Lasten für die Schwachen zu tragen. Es gibt in Wahrheit keinen Segen, den einer von uns sein eigen nennen kann, solange nicht alle anderen daran teilhaben. Wirklich, niemand von uns ist sicher, solange nicht alle sicher sind. Es gibt keine Armut, keine Not, nicht einmal eine Krankheit, die nicht sich selbst an denen rächt, die davor zurückschrecken ihr abzuhelfen.

Carlyle hat uns in einem seiner Bücher die Geschichte einer irischen Witwe erzählt, die mit ihren Kindern in Schottland in der größten Armut lebte. Er berichtete, wie sie zu ihren Nachbarn und zu allen möglichen Stellen ging und um Hilfe bat. ‚Ich bin Eure Schwester, ihr müßt mir helfen’, sagte sie. Aber sie wiesen sie ab, weil sie eine Fremde war. Alle ihre Gesuche blieben ohne Ergebnis. Sie wiesen ihre Schwesternschaft zurück, aber sie erwies sich am Ende doch als ihre Schwester. Sie bekam ein typhöses Fieber und viele Menschen in der Nachbarschaft bekamen es von ihr und 17 von ihnen starben. ‚Sie war ihre Schwester; sie konnten sich dem nicht entziehen’. Sicher beweist dies, dass niemand sicher ist, solange nicht alle sicher sind. Der Dienst an den Schwachen und Beladenen, für den geringsten unter unseren Brüdern, ist nicht ein sentimentales Ideal sondern ein Gesetz des Lebens, von dem letzten Endes sogar die Selbsterhaltung abhängt.“

Dieser Vergleich mit damals und bisherigen Pandemien möge Hoffnung vermitteln und ist gleichzeitig eine Herausforderung an jeden Einzelnen von uns und für unsere gemeinsame Zukunft.

Weimar, 20. März 2020

 

Prof. em. Dr. phil. Joachim Wieler

Diplomsozialarbeiter und Master of Social Work (MSW)

Fachhochschule Erfurt, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften

Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Alice Salomon Archivs in Berlin