Alice Salomon (19. April 1872 - 30. August 1948)

Alice Salomon circa 1899
Urheber*in: Hof-Atelier Elvira (München); Quelle: ASA

Alice Salomon war eine der bedeutendsten und international renommiertesten Sozialreformerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr umfangreiches Werk umfasst neben theoretischen Beiträgen, die sich einer Bandbreite an Themen der Sozialpolitik, -philosophie, -theorie und -forschung widmen, eine große Zahl praktischer Initiativen, die in weiten Teilen bis heute fortbestehen. Mit ihrem Schaffen gilt sie als eine der Begründerinnen der modernen, professionellen Sozialen Arbeit. Darüber hinaus wird sie heute weltweit für ihren bedeutenden Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit gewürdigt.

Alice Salomon, die 1872 in Berlin in eine bildungsbürgerliche, assimilierte jüdische Familie geboren wurde, wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen zunehmend gegen ihre vielfachen gesellschaftlichen Beschränkungen aufbegehrten. Insbesondere das Wahlrecht und politische Betätigung von Frauen, ihre schulische Bildung, beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten und die Zulassung zur Universität, aber ebenso ihre ökonomische und sexuelle Ausbeutung waren Themen der Frauenbewegungen aller politischen Richtungen. Auch Alice Salomon, die ihre Jugend in ihren Lebenserinnerungen als „Zeit des nutzlosen Daseins, der leeren Erwartungen und der blinden Hoffnung“[1] beschreibt, wurde Teil dieser Bewegung, engagierte sich in feministischen und sozialreformerischen Initiativen und promovierte im Jahr 1906 - noch vor der offiziellen Zulassung von Frauen an den preußischen Universitäten - im Fach Nationalökonomie mit einer Arbeit über die ungleiche Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit.

Schon in ihren frühen Zwanzigern begann Salomon, sich in der sozialen Hilfsarbeit zu engagieren. So folgte sie im Jahr 1893 einem Aufruf zur Gründung der ‚Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit‘ in Berlin, die von Persönlichkeiten wie Minna Cauer, Jeanette Schwerin, Margarete Kirschner und Auguste Friedemann ins Leben gerufen worden waren. Nach dem frühen Tod von Schwerin übernahm Salomon den Vorsitz der Gruppen. Zusätzlich zu diesem Engagement nahm sie führende Positionen im Bund Deutscher Frauenvereine ein, der Vorsitz des Bundes wurde ihr jedoch wegen ihrer jüdischen Herkunft verwehrt.

In diesen Jahren rief Salomon unzählige soziale Initiativen ins Leben, darunter Mädchenhorte und Arbeiterinnenheime, und begann damit, theoretische Fortbildungen für die Freiwilligen zu konzipieren. Im Anschluss an diese Initiativen gründete sie im Jahr 1908 – im Zuge der preußischen Mädchenschulreform – die Soziale Frauenschule Berlin, die die erste interkonfessionelle, zweijährige Ausbildung für Soziale Arbeit anbot und maßgeblich zu deren Professionalisierung beigetragen hat. Im Jahr 1925 gründete Salomon mit Kolleginnen die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit, die der Weiterbildung von Frauen für Führungspositionen in der Sozialen Arbeit diente und das erste Forschungsinstitut der Sozialen Arbeit in Deutschland bildete.

In den Jahren 1916/17 initiierte Salomon die Konferenz der Sozialen Frauenschulen Deutschlands (heute: Fachbereichstag für Soziale Arbeit), die sie bis 1933 leitete. 1929 war sie maßgeblich an der Gründung des Internationalen Komitees sozialer Schulen (heute: International Association of Schools of Social Work), beteiligt, dessen Vorsitzende sie noch über 1933 hinaus blieb. Beide Verbände bestehen bis heute. Einzig die Akademie, deren Auflösung im Mai 1933 Alice Salomon selbst veranlasste, um der drohenden Hausdurchsuchung und Liquidierung durch die SS zu entgehen, wurde nach 1945 nicht neu gegründet.

Alice Salomon wurde 1933 aus allen öffentlichen Ämtern verdrängt und 1937, im Alter von 65 Jahren, von der Gestapo zur Emigration gezwungen. Sie starb 1948 im Exil in New York. Nachdem ihr Werk lange unbeachtet blieb, wurde sie seit den 1980er Jahren wieder in das öffentliche Gedächtnis zurückgeholt. Heute widmet ihr die Hochschule, die aus der Sozialen Frauenschule heraus entstand, nicht allein ihren Namen sondern auch den Alice Salomon Poetik Preis und den Alice Salomon Award.

 

[1] Alice Salomon (1984): Charakter ist Schicksal. Lebenserinnerungen, hrsg. v. Rüdeger Baron und Rolf Landwehr. Weinheim und Basel: Beltz (2. Aufl.), S. 37