Aufbruch, Abbruch, Wiederkehr: Die Frauenbewegung und die Soziale Arbeit als Frauenberuf 1890-1955 (2021)

Das Projekt widmet sich den Prozessen der Entwicklung und Etablierung Sozialer Arbeit als Frauenberuf unter dem Einfluss der Frauenbewegung mit dem Fokus auf drei Entwicklungsphasen, hier benannt als: Aufbruch, Abbruch und Wiederkehr.

Untersucht wird der ausgewählte Zeitraum von 1890 bis 1955 anhand einzigartiger Archivdokumente, über welche das Alice Salomon Archiv verfügt. Verschiedene Doku­mentformen wie eine handgefertigte Sammelmappe der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, Akten der Sozialen Frauenschule Berlin, individuelle und professionsbezogene Lebenserinnerungen und Briefe Alice Salomons werden zum Teil restauriert und digitalisiert und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Konkret handelt es sich um folgende historisch bedeutsamen Zeitabschnitte, welche die drei zentralen Bausteine des Projekts bilden:

1. Aufbruch (1890-1933): Die in Berlin gegründeten Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit leiteten einen Perspektivwechsel in der Ausbildung von Mädchen und Frauen und in der Frauenerwerbstätigkeit ein und waren so wegweisend für die Entwicklung der Sozialen Arbeit als Frauenberuf. Jeanette Schwerin (1852-1899, Vorsitzende der Gruppen und Vorstandsmitglied im Bund Deutscher Frauenvereine) und Adele Beerensson (1879-1940 Schriftführerin und Geschäftsführerin der Gruppen, Sekretärin von Alice Salomon an der Sozialen Frauenschule, Gesamtvorstand Bund Deutscher Frauenvereine) repräsentieren als zentrale Akteurinnen diese Phase des Aufbruchs. Digitalisierungs- bzw. Restaurierungsgegenstand sind im Alice Salomon Archiv vorhandene und vom Verfall bedrohte Dokumente der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit (1893-1933).

2. Abbruch (1933-1945): Der Nationalsozialismus bedeutete mit Verfolgung, Vertreibung und Ermordung zunächst einen Bruch innerhalb der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts, die Soziale Arbeit wurde namentlich zur Volkspflege. Neben den Perspektiven der vertriebenen und ermordeten Dozentinnen und Schülerinnen der Sozialen Frauenschule in Berlin-Schöneberg (vgl. ASA-DDF-Projekt 2020) wird insbesondere die Rolle und das Auftreten von (Mit-)Täterinnen, wie sie in den Akten der Sozialen Frauenschule zu finden sind, thematisiert. Als zentrale Akteurinnen der Frauenbewegung im Feld sind hier Helene Weber (1881-1962) und Isa Gruner (1897-1989)  zu nennen.

3. Wiederkehr (1945-1955): Als nach 1945 die Phase des Wiederaufbaus begann, sahen sich die Frauenausbildungsstätten vor neue Herausforderungen gestellt. Nun galt es, sich neu zu organisieren und mit der Vergangenheit umzugehen; dies betraf auch die Soziale Frauenschule in Berlin-Schöneberg. Der Fokus liegt hier auf der möglichen Weiterverfolgung von bestehenden Konzepten zur Sozialen Arbeit als Frauenberuf und dem Umgang mit Frauen im Exil und Verfolgten aus den Reihen der Frauenbewegung. Untersucht wird außerdem die Erinnerungskultur der Frauenbewegung nach 1945 in Bezug auf biographische und institutionelle Brüche.

Themen- und Personenessays rahmen in enger inhaltlicher Verknüpfung die bearbeiteten und digitalisierten Dokumente und werden dem Digitalen Deutschen Frauenarchiv zur Veröffentlichung übergeben.

Projektdaten:

Projektlaufzeit: 01.01.2021 bis 31.12.2021

Projektmitarbeiter_innen: Prof.'in Dr. Sabine Toppe (PL), Filiz Gisa Cakir, Friederike Mehl, Aleksandra Stojanoska

Mittelgeber_in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Deutsches Digitales Frauenarchiv (DDF)

 

„Der Anfang meiner Forschungstätigkeit hier an der Fachhochschule war ganz klar die Frage: Was war hier 1933 geschehen?“ Ein Oral History-Projekt zum Einfluss sozialer Bewegungen auf die Historiographie Sozialer Arbeit (seit 2020)

In diesem interdisziplinären Forschungsprojekt werden die Auswirkungen der Neuen Sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre auf die Historiographie der Sozialen Arbeit in Deutschland untersucht. In einer Reihe von Oral History-Interviews erfragen wir Biografie und persönliche Motivation jener Sozialarbeiter*innen und Historiker*innen, die seit den 1970er Jahren die Geschichte der Sozialarbeit erforscht und Sammlungen und Archive der Sozialarbeit aufgebaut haben. Das Projekt untersucht insbesondere, wie die Neuen Sozialen Bewegungen, v.a. die Frauenbewegung, die archivarische Sammlung, Analyse und Interpretation der Geschichte der Sozialarbeit im 20. Jahrhundert hervorbrachten, beeinflussten und problematisierten.

Projektdaten:

Finanzierung: Haushalt

Projektmitarbeiter*innen: Dayana Lau, Friederike Mehl

Laufzeit: seit 02/2020

Kontakt:

Friederike Mehl, Dayana Lau

 

 

Die Verflechtung innerer und äußerer Kolonisierung in der ‚weiblichen Kulturarbeit‘ – Eine intersektionale Analyse zur Geschichte der Sozialen Arbeit (seit 2020)

In der Untersuchung wird die ‚weibliche Kulturarbeit‘ in den Mittelpunkt gerückt und der Frage nachgegangen, wie soziale Projekte für Arme und Arbeiter*innen unter Beteiligung von Frauen mit der missionarisch geprägten und rassistisch grundierten Zivilisierungsarbeit in den Kolonien verbunden sind. Gleichzeitig geht es um die Frage, wie koloniale und missionarische Aktivitäten den Aufbau der frühen Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum formten. Dabei wird davon ausgegangen, dass die kolonialen Verflechtungen der ‚weiblichen Kulturarbeit‘ sich in einer engen Verknüpfung von akribischer Erforschung und sittlicher Erziehung bei der ‚Zivilisierung‘ von Proletarier*innen und Kolonisierten zeigten. Frauen nahmen in dieser Verbindung eine besondere Rolle ein, da ihnen die Fähigkeit zugeschrieben wurde, sich verstehend Zugang zu fremden Lebenswelten zu verschaffen und als Vorbilder und Vermittlerinnen deutscher, bürgerlicher Tugenden wirksam zu werden. Insofern nimmt das Projekt die Konzeptionen ‚sittlicher‘ Erziehungsarbeit in den sogenannten ‚Außenposten der Zivilisation‘ in Metropole und Kolonie in den Blick und widmet sich gleichzeitig der Frage, wie in diesem Zusammenhang Wissen über die Lebenswelten der zu Zivilisierenden generiert wurde.

a) Personelle Verflechtungen: Soziale Hilfsarbeit und koloniales Engagement in den Frauenbewegungen

In dieser Teilstudie stehen in der Frauenbewegung aktive Frauen und ihre Organisationen und Netzwerke im Mittelpunkt. Diese haben die ‚weibliche Kulturarbeit‘ des Kaiserreichs und der Weimarer Republik definiert und praktiziert und in diesem Kontext – so die These – Verbindungen zwischen sozialem und kolonialem Engagement von Frauen hergestellt. Zu den relevanten Personen zählt z.B. [klick] die rechtskonservative Hedwig Heyl. Sie war viele Jahre Vorsitzende im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft und hat den Berliner Verein Jugendheim gegründet, der auch ein sozialpädagogisches Seminar hatte (Walgenbach 2005). Dieses Jugendheim wurde sogar in das koloniale Lüderitzbucht (Namibia) übersetzt (Heyl 1925). Aber es waren nicht nur Frauen aus dem rechten Flügel, sondern auch radikale Aktivistinnen [klick] wie Minna Cauer auf diesem Gebiet aktiv. Cauer hat sich ebenfalls in der kolonialen Bewegung engagiert und sich parallel in die damals so genannte weibliche Hilfsarbeit eingebracht (Wildenthal 2001). In dieser Teilstudie geht es vor allem darum, diese Netzwerke und Verflechtungen freizulegen.

b) Materiale Verflechtungen: Koloniale Diskurse und Praktiken in Initiativen ‚weiblicher Kulturarbeit‘

In dieser Teilstudie sollen konkrete sozialpädagogische Initiativen der Frauenbewegung auf ihre Bezüge zu kolonialen Diskursen und Praktiken untersucht werden. Ein Beispiel dafür sind die [klick] Berliner Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, die nicht-konfessionelle Heime für alleinstehende Arbeiterinnen gegründet haben, in denen sie – angelehnt an die Settlementbewegung – Bildungsprojekte initiierten (Feustel 2020). [klick] „Was bewog uns im Jahre 1899 zur Gründung des Vereins? Der Wunsch, der Fabrikarbeiterin zu dienen! [… Wir wollten den Arbeiterinnen] zu einem besseren, gesünderen, reicheren Leben verhelfen. Wir wußten, daß sie nicht aus eigener Kraft sich zu einer höheren Lebenshaltung, die ihnen ja noch fremd war, entwickeln konnten. Drum hielten wir, denen es besser ging, es für unsere Pflicht, tatkräftige Hilfe ihnen angedeihen zu lassen.“ (Kirschner 1929, S. 27) Diese Projekte sollen daraufhin betrachtet werden, wie sie koloniale Diskurse und Praktiken aufgenommen und (re)produziert haben, zum Beispiel indem sie christlich-missionarische Deutungsmuster adaptierten, aber auch, welche Bedeutung Frauen als Adressat*innen zugeschrieben wurde. Meine vorläufige These ist, dass sich so der Anspruch der Sozialen Arbeit der Frauenbewegung als Zivilisierungsarbeit deuten lässt.

c) Epistemische Verflechtungen: ‚Weibliche Ethnographie‘ zwischen Völkerkunde, Kolonialpolitik und Sozialer Arbeit

Mit der dritten Teilstudie richte ich meinen Blick auf die Wissensproduktion innerhalb der Sozialen Arbeit. Ich gehe davon aus, dass sich in diesem Zusammenhang Verbindungslinien zwischen der Ethnologie, die damals noch die kolonialpolitisch geprägte Völkerkunde war, der Frauenbewegung und der Sozialen Arbeit ergeben haben. Ein Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die ersten Sozialarbeitsforschungen der 1910er bis frühen 1930er Jahre ethnographische Methoden entwickelt und genutzt haben. Beispiele dafür sind die empirischen Forschungen von Marie Baum, Marie Bernays, Rosa Kempf und Alice Salomon, die alle einige der ersten sozialen Frauenschulen geleitet haben (Hoff 2012). Hinzu kommt, dass Sozialarbeiterinnen sich aber auch in der Völkerkunde engagiert und damit Verbindungen zwischen den beiden Disziplinen geschaffen haben. Zu ihnen gehören zum Beispiel [klick] Caecilie Seler-Sachs, [klick] Gertrude Duby-Blom und [klick] Hilde Thurnwald. Meine These ist, dass diese Forscherinnen in ihren ethnologischen Studien sozialpolitische Fragen, die im Kontext der Frauenbewegung diskutiert wurden, mit kolonialpolitischen Fragestellungen der Völkerkunde verbunden haben. D.h., hier stehen die Forschungen im Mittelpunkt der Untersuchung.

Projektdaten:

  • Finanzierung: Haushalt
  • Projektmitarbeiterin: Dayana Lau
  • Laufzeit: seit 05/2020

Kontakt:

Dayana Lau

 

 

Die Kolonisierung der Lebenswelten – Spuren des Kolonialismus in der Sozialen Arbeit in Vergangenheit und Gegenwart (WS 2020/21 und SoSe 2021)

Werkstatt im BA-Studiengang Soziale Arbeit der ASH Berlin

In Deutschland gab es weit über die verhältnismäßig kurz währende Phase der formalen Kolonialherrschaft (1894-1919) hinaus eine weit verbreitete Kolonialbegeisterung, die sich über alle sozialen Schichten und politischen Lager hinweg erstreckte. Viele Verheißungen und Phantasien wurden mit den Kolonien verbunden, darunter auch die Hoffnung, die infolge der Industrialisierung entstandenen, drängenden sozialen Probleme lösen zu können. Auch die Soziale Arbeit, die in dieser Phase im Kontext sozialer Bewegungen – insbesondere der Frauenbewegung – entstand, war auf vielfältige Weise mit dem Kolonialismus verbunden. Diese Verbindungslinien haben tiefgreifende Spuren hinterlassen, mit denen wir uns in dieser Werkstatt in Vergangenheit (WS 2020/21) und Gegenwart (SoSe 2021) beschäftigen.

Im Wintersemester gehen wir Berührungspunkten zwischen der kolonialen Bewegung und der sich professionalisierenden Sozialarbeit im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nach, zum Beispiel anhand folgender Themen:

  • Koloniale Kulturmissionen in sozialen Reformbewegungen
  • Jugendkulturelle Repräsentationen kolonialer Ideologien
  • Die Produktion von Wissen über ‚die Anderen‘ in den sogenannten kolonialen Wissenschaften
  • Der ‚Kulturauftrag‘ weißer Frauen in den Kolonien und ‚daheim‘
  • Die Rolle des Kolonialismus in der Geschichte der Alice Salomon Hochschule

Im Sommersemester wenden wir uns den Spuren des Kolonialismus in der gegenwärtigen Sozialen Arbeit zu. Dabei werden wir uns mit verschiedenen Themenfeldern beschäftigen. Zum Beispiel geht es darum, rassistische Strukturen in der Sozialen Arbeit zu diskutieren, aber auch Differenz- und Dominanzdiskurse in ihrem Verhältnis zum Kolonialismus zu untersuchen.

Kontakt:

Dayana Lau

Veranstaltungen:

In Zusammenarbeit mit dem Frauen*büro der ASH Berlin fand im Rahmen des Lehrprojektes am 25.1.2021 der Film-Diskussions-Nachmittag "'Wir hatten eine Dora in Südwest' - Die koloniale Frauenbewegung und die frühe Soziale Arbeit" statt.